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ihnen also nicht bloß zn erleichtern, sich in den Straßen zurechtzufinden, sondern ihnen über ihr Verlangen auch zu sagen, wo sie ein gutes Mittagessen bekommen, wo sie ein Bad nehmen, ihren Abend verbringen, ihr Geld wechseln können re. re. Sie würden mit einem Wort die fleischgewordene Ergänzung des Reisehandbuches vorstelleu. Natürlich müßten die Mitglieder dieses Corps eine entsprechende Ausbildung genießen, um solchen Anforderungen genügen zu können, und nur Leute von bedeutenderer Intelligenz und — worauf hauptsächlich Gewicht zu legen wäre — von angenehmen Umgangsformen und mit Sprachkenntnissen Hütten eine Anwartschaft darauf, in dieses Corps ausgenommen zu werden.
Von den gegenwärtig bestehenden Einrichtungen ist keine geeignet, den Aufgaben zu entsprechen, die dieser Fremdenpolizei zufielen. Am ehesten käme hierin der Hotel-Lohndiener in Betracht. Aber man kann sich nicht immer und nicht überall hin vom Lohndiener begleiten lassen. Das ist zu kostspielig, abgesehen davon, daß man oft Wege hat, die man der Kenntnis des Lohndieners zu entziehen wünscht. Dienstmänner, Stadttrüger w. flößen dem Fremden nicht das nötige Vertrauen ein. Der Schutzmann hat nicht die Zeit, um ihm ausführlich Rede zu stehen. Auch er besitzt übrigens selten eine allseitige Lokalkenntnis. Die Schaffung einer eigenen Fremdenpolizei ist also dringend notwendig. Ein Gang durch die Friedrichsstraße müßte jedermann davon überzeugen. Scharenweise begegnen einem aus Schritt und Tritt Fremde aus aller Herren Ländern. Und immer wieder kann man die Beobachtung machen: ein Drittel ihrer Zeit vergeht mit Suchen, das zweite mit Fragen und nur von dem dritten haben sie einen wirklichen Genuß. Wem der Sinn für die Pflichten der Gastfreundschaft, die ein großes Gemeinwesen seinen Besuchern schuldet, nicht vollständig abgeht, der muß sich verwundert fragen, wie sich in einer Weltstadt derartige Erscheinungen herausbilden können, ohne daß man daran dächte, Abhilfe zu schaffen. Berlin ist darum vor allem verpflichtet, hierin die Initiative zu ergreifen. Besteht die Fremdenpolizei erst sechs Monate lang, dann wird man es nicht begreifen, wie man so lange Zeit ohne eine solche auskommen konnte.
Lrkensgrmeinsrhsften.
Von
Vv. Theodor Jaensch. (Fortsetzung.)
ülte und Trockenheit: das sind, abgesehen von den höheren Hitzegraden, die in der Natur gemeinhin nicht mehr Vorkommen, die Grenzen, welche der Ausbreitung des pflanzlichen Lebens gesetzt sind. Da aber, wo keine andere Pflanze mehr gedeihen will, finden wir Flechten. Auf den Eisund Schneefeldern des hohen Nordens und Südens, an den sturmumtosten Felsen der Hochgebirge und den umbrandeten Klippen des Meeres, in der brennenden Sonnenglut der Wüsten treffen wir sie als letzte Spuren des Lebens. Wie vorgedrungene Sendlinge der Pflanzenwelt, und damit des Lebenden, finden wir sie in den entlegensten Gegenden des Erdballs; wohin auch bis jetzt nur der Mensch gelangt ist. Grenzenlose Öde um- giebt ihn, wo sie nur noch weilen.
Dergleichen kann eine freilebende Alge nicht leisten — obgleich es solche giebt, die sogar in heißen Quellen ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben; und auch der Pilz kann es nicht. Er würde verhungern, die Alge vertrocknen. Im Flechtenverbande aber saugen seine wassergierigen Zellfüden selbst die in geringer Menge in der Luft vorhandene Feuchtigkeit auf; sie schützen mit ihrem eigenen Leibe auch die von ihnen umsponnene Alge gegen Verdunstungsverlust; sie befestigen sie, und sie sichern sie auch vor Verletzung. Sie selber aber sind von dem ihnen ihrer sonstigen Wesenheit nach unentbehrlichen
Nährboden unabhängig geworden: tragen sie ihn doch gewissermaßen lebend mit sich. So können sie ihren Wohnort denn aufschlagen, wo sie wollen. Ihre und der Algen Gemeinschaft aber bereitet im Laufe der Zeiten anderen, schon anspruchsvolleren, Wesen den Boden aus vordem unfruchtbarem Gestein. Indem sie sich in seine feinsten Risse und Spalten schmiegt, die vielleicht eben erst der Frost erschlossen hat, in sie eindringt, zersetzend und auflösend zur Verwitterung beitrügt, und mit dem verwitternden Staube ihre sterblichen, schließlich verwesenden Reste vermengt, ebnet sie den Weg für nachkommende Geschlechter ihrer eigenen und höherer Artung. So sind die Flechten nicht bloß Sendboten, sondern auch Vorläufer der Besiedelung der Erde; und wenn wir die Algen auch als die ältesten pflanzlichen Wesen betrachten müssen, nnd die Pilze erst nach ihnen kommen mußten, ehe sich Flechten entwickeln konnten, so war doch erst die Vereinigung beider im stände, sich aus den Niederungen der Feuchtigkeit zu erheben und in der Heimat der Winde ihren Wohnort aufzuschlagen. Gar manche Alge und gar mancher Pilz mögen verschlagen worden und zu Grunde gegangen sein, ehe sich zwei zusammenfanden, nnd, die erste Flechte bildend, sich den neuen Verhältnissen anzubequemen verstanden*
So gewinnt ein Gebiet der Botanik, das früher so dürr und trocken erscheinen mochte, wie äußerlich sein Gegenstand, im Lichte genauer Erforschung Leben und ungeahnte Bedeutung. In der That sind die Flechten das ausgeprägteste Beispiel vollkommener Lebensgemeinschaft. Aber es giebt noch genug der hierher gehörigen Beziehungen, die unsere Aufmerksamkeit in gleich hohem Maße erregen müssen; ja zum Teil erscheinen sie, wenn auch nur auf den ersten Blick, fast noch auffallender.
Bleiben wir zunächst bei den Füllen, wo sich Pflanzen mit Pflanzen, oder Tiere mit Tieren verbünden, so sind vor allem die überraschenden Ergebnisse der Erwähnung wert, welche Frank, Professor an der Landwirtschaftlichen Hochschule zu Berlin, bei seinen Untersuchungen der Wurzeln unserer Wald- büume und ihrer Verzweigungen im Boden erhalten hat. Es handelt sich dabei um Ergebnisse, welche unsere Anschauungen von der Ernährung vieler von ihnen auf ganz neue Grundlagen gestellt haben.
Nur beiläufig brauche ich zur Verstündlichmachung dieser Dinge auf den allgemeinen Ban der Pflanzenwurzeln einzugehen. Jede Wurzel, wenigstens bei den höheren Gewächsen, unterscheidet sich durch eine Eigentümlichkeit ihres Wachstums von den oberirdischen Pflanzenteilen. Diese wachsen an der Spitze. Die Wurzel aber wächst hinter der Spitze; und dasselbe thut jede ihrer Auszweigungen. Alle ihre Endigungen schieben dadurch eine feste, schon früh gebildete Kappe, die sogenannte Wurzelhaube, vor sich her, während sie infolge ihrer eigenen Verlängerung den Boden durchwuchern. Sie bedienen sich auf diese Art förmlich eines natürlichen Bohrers, der ihnen das Eindringen in weniger lockere Schichten erleichtert; ja, dieser Bohrer ist sogar gewissermaßen eingeölt, denn um ihn scheidet die Wurzel Säuren und andere ätzende Stoffe aus, die auf ihre Umgebung auflösend einwirken, und ihm so gestatten, auch härterem Gestein und Erdreich beiznkvmmen. Es ist ein stehender Lehrversuch, Pflanzenwurzeln, nachdem sie eine ihnen zugemessene Erdschicht durchwuchert haben, an einer den Boden des umhüllenden Gefäßes bildenden Marmorplatte entlang weiterwachsen zu lassen; sie verzeichnen dann mit größter Genauigkeit ihre Spuren auf der Platte, und man kann die Ätzbilder mit Leichtigkeit durch Abwaschen sichtbar machen.
* Zu bemerken ist übrigens nvch, daß man außer den gewöhnlichen Flechten auch sogenannte Wasserflechten kennt, die ebenfalls aus Pilz nnd Alge, aber unter Wasser lebender Arten, bestehen. Sie unterscheiden sich jedoch wesentlich in ihrem Aussehen von den Flechten, da bei ihnen die Algen Zellschnüre bilden, welche von den Pilzfäden einzeln scheidenartig umhüllt werden, so daß die ganzen Genossenschaften mehr als kleine, grüne Raschen erscheinen.