Heft 
(1889) 45
Seite
730
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Deutschland.

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zu bringen. Berthold starrte auf das kleine geflochtene Ding, welches ihm eine so entsetzliche Wahrheit verkündete.

Da da muß ich helfen," sagte er endlich und eilte planlos in die Stadt. Nur der eine Gedanke war ihm klar, daß er jetzt nicht fort und Christa sich selbst überlassen konnte, sondern daß er zunächst hier an Ort und Stelle eine lohnende Beschäftigung suchen mußte.Expedition des Tageblattes," stand da mit großen Lettern geschrieben.

Ist irgend eine Stelle frei?!" fragte er atemlos den Redakteur.

Ja, was suchen Sie denn?" entgegnete dieser lächelnd.

Stunden Nachhilfestunden Korrekturen-oder

etwas zum Abschreiben. Ach, lieber Herr, nur etwas was Geld bringt, schnell Geld bringt!"

Hier sind die Nachfragen wollen Sie gefälligst lesen."

Ein Primaner gesucht, der einem Quintaner Nachhilfe giebt," las Stein.Was ein Primaner kann, kann ich

auch. Und hier ein Kopist-. Danke danke

. Darf ich das Blättchen mitnehmen?"

Gewiß, behalten Sie nur." Er flog mehr als daß er ging davon.

Christa! Gottlob Arbeit!" so kam er zurück. Nun schrieb und schrieb er Tag und Nacht, den Bogen für dreißig Pfennige, gab die Nachhilfestunde und studierte da­bei mit wahrer Todesverachtung für das zweite Examen, sich währenddessen immer um eine Hanslehrerstelle bemühend. Christa nähte, daß ihr fast die Finger blutig wurden. Oft war Mitternacht längst vorüber und das Lämpchen oben in dem Dachstübchen beschien noch das fleißige Mädchen, welches so unermüdlich die Nadel führte, sowie den Jüngling, der kaum noch die Angen zu öffnen vermochte und dennoch die Feder kritzelnd über das Papier gleiten ließ. Es war kalt im Zimmer, er hatte ein altes Tuch der seligen Pastorin über­geworfen, sie hüllte sich fröstelnd in einen zerschlissenen Regen­mantel. Zum Abendessen hatte es, wie jetzt fast immer, nur dünnen Kaffee und trockenes Schwarzbrot gegeben, und das Lämpchen brannte so sparsam, daß sie kaum bei ihrer Arbeit sehen konnten. Aber doch waren sie glücklich. Ein Blick ge­nügte, nur die erschlafften Lebensgeister wieder aufznfrischen.

Wenn Christas Wangen nur nicht so sieberheiß geglüht Hütten! Und Berthold ängstigte sich, weil sie in der letzten Zeit gezwungen war, sich immer tiefer über die Näharbeit zu beugen. Ihre Angen mußten krank sein, wenn sie auch nie­mals darüber klagte. Hütte Berthold gewußt, wie sie ihr brannten. Niemand hatte bis jetzt Bertholds Hilfe als Hauslehrer in Anspruch genommen.

Ich halte es nicht mehr ans!" rief Christa eines Abends plötzlich, brach in Weinen ans und bedeckte die schmerzenden Angen mit beiden Händen.

Was ist Dir, Christa?"

Meine Angen, ich kann kaum noch sehen."

Dachte ich's doch! Ich werde den Arzt rufen."

Den Arzt? Wovon sollen wir ihn bezahlen?"

Es muß sein." Am nächsten Morgen ging Berthold ans, der Arzt kam und Berthold glaubte in die Erde sinken zu müssen stellte eine Entzündung der Hornhaut und der Lider fest, welche das Augenlicht gefährdete.Schonung gar nicht arbeiten -- - "

Und dabei verhungern" stöhnte Christa.

Du hast mich," flüsterte Berthold. Der Arzt zuckte mit­leidig die Achseln und gab den ersten Besuch und die Medizin unentgeltlich. Mehr konnte er nicht thun.

Halten Sie nur recht darauf, daß sich Ihre Frau schont," sagte der Arzt auf dem Flur beim Abschiede. Frau? Bert­hold zuckte zusammen. Aber er widersprach nicht und ließ den Mann bei diesem Glauben. Jetzt erst wurde es ihm klar, daß die Welt sie natürlich für Mann und Frau halten mußte. Aber konnte er's ändern? Konnte er Christa jetzt verlassen? Und durfte er ihr Leben, ehe er, wenn auch nur ein geringes, so doch sicheres Brot hatte, an das seine fesseln? Stellte er dadurch nicht auch die Existenz der jungen Leben aufs Spiel, die ihren vereinten entsprießen konnten?

Christa vermochte nicht mehr zu nähen, selbst wenn sie es gewollt Hütte, und Berthold war nicht im stände, durch an­gestrengtere Arbeit mehr zu schaffen, wie er es that, und das was er einnahm, war zu wenig, um auch nur den nötigsten Lebensunterhalt zu bestreiten. So wanderte denn das erste Möbel, das alte Sofa, was ja am leichtesten zu entbehren war, ins Leihhaus. Ein Stück nach dem andern folgte, immer kahler wurden die beiden Stübchen, immer leerer die Wände. Beim ersten Stück hatten sie beide geweint.Das Letzte," sagte Berthold jetzt. Starre Verzweiflung hatte beide erfaßt, sie saßen da wie versteinert. Berthold entschloß sich endlich, die alte Kommode die steilen Treppen hinunter zu schleifen. Da klopfte es. Kam vielleicht jemand, um sich an dem nackten Elend zweier sich liebenden, guten Menschen zu weiden?

Herein!" Ein Knabe, mit einem Brief in der Hand, stand vor ihm.

Sind Sie Herr Stein?"

Jawohl." Er nahm das Schreiben und las es.Ja

ja-ich-ich komme. Ach, Du lieber Junge

ich habe nichts sonst"

Schon gut nicht nötig." Der Knabe ging, und Bert­hold Hütte vor Rührung aufschreien mögen; welches Verständ­nis hatte in den wenigen Worten des Kindes, welches Mitleid in seinen guten Augen gelegen, mit dem er diesen grausamen Jammer überflog.

Der Brief war von einem Stndiengenossen, der ihm mit­teilte, daß der Professor Gösöbins einen jungen Theologen als Hauslehrer für eine fürstliche Familie auf dem Lande suche. Die Patronatsstelle auf einem der Güter des Fürsten ist dem Betreffenden später in Aussicht gestellt. Ich bin schon für einen anderen Platz gebunden," schloß der Brief.

Berthold stäubte den einst guten, jetzt recht abgetragenen schwarzen Anzug, den einzigen, über den er noch verfügte, sorg­lich ab, suchte sein Äußeres so vorteilhaft als möglich her­zurichten und begab sich auf den Weg.

Sie? Was wünschen Sie?" empfing ihn der Professor erhobenen Hauptes. Dieser Empfang war nicht Glück ver­heißend; aber Stein nahm seinen ganzen Mut zusammen.

Ich hörte durch den Doktor Kannenberger, daß der Herr Professor einen Hauslehrer für die Kinder Seiner Hoheit des Fürsten"

Und um diese außergewöhnliche Stelle bewerben Sie sich?" siel ihm Professor Gösöbins' schneidende Stimme, mit abwehrender Handbewegung ins Wort.