Heft 
(1889) 45
Seite
731
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45.

Deutschland.

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Allerdings ich glaubte-"

Ein gesitteter Lebenswandel ist die erste Bedingung."

Ein gesitteter Lebenswandel? Und glauben der Herr Professor, daß ich diesen nicht führte?"

Herrn Gösöbins' bewaffnete Angen überflogen, halb Hohn, halb Mitleid, die zurückgekommene Gestalt Bertholds.

Mein Herr, ein Mann, der durch Jahre ein derartiges anstößiges Verhältnis unterhält, wie Sie?"

Ein anstößiges Verhältnis? Ich? Ich, Herr Professor?"

Sie leben mit jener jungen Person, jetzt, nach dem Tode der Mutter sogar allein zusammen."

Herr Herr Professor." Berthold,

schwach, überanstrengt und hungrig, fühlte den Boden unter seinen Füßen schwanken, es flimmerte schwarz vor seinen Angen, er konnte sich nicht halten und taumelte, einer Ohnmacht nahe, auf das Kanapee.

Das Bewußtsein Ihrer Schuld schmettert Sie nieder!" rief der Professor und reichte ihm mitleidig ein Glas Wasser. Von ihm keinen Tropfen! Berthold stieß es zurück, biß die Zähne aufeinander, und so gering seine Kräfte auch waren, so Hütten sie in diesem Augenblick doch noch ansgereicht, um dein schmählichen Verleumder an die Kehle zu springen. Aber er dachte an Christa, unterließ es und erhob sich langsam.

Mein Verhältnis ist engelsrein. Gott ist mein Zeuge, mehr kann ich Ihnen nicht sagen, andere Beweise da­für, wie mein Wort, habe ich nicht."

Beweise, wo Thaten sprechen?!" fuhr der Professor auf.

Rein engelsrein," damit schleppte sich Berthold müh­selig zur Thür hinaus.

Nun?" empfing ihn Christa mit mattem Lächeln. Er gab keine Antwort, schüttelte nnr wehmütig mit dem Kopfe, um sie dann plötzlich stürmisch zu umarmen.Es ist nichts, meine Christa, wir hungern weiter." Ein tiefer Seufzer ent­rang sich der Brust des Mädchens.

Das Elend, die mühselige Abschreibearbeit ging unauf­haltsam ihren entnervenden Gang; aber ebenso auch Christas Leiden.

Ein halbes Jahr später war sie erblindet, Berthold aber zum Skelett abgemagert; keine Anfrage nach einer Stellung hatte Erfolg. Die Absagen auf Bertholds Briefe waren oft kurz, unhöflich, und zwischen jeder Zeile las er:ein anstößiges Verhältnis."

Ein Kämmerchen beherbergte jetzt die beiden, in dieser Ecke lag Christas, in jener Bertholds Strohsack. Dünner Kaffee und schwarzes Brot bildeten die Hauptnahrung der beiden. An einen Fleischtag, ja kaum an einen Kartoffeltag war mehr zn denkein

Ein anstößiges Verhältnis! Ha ha ha ha ha," hörte Christa während einer schlaflosen Nacht von dem andern Strohsack her.

Was sagst Du, Berthold?"

Ha ha ha" er lachte wie toll. Und dieses Lachen entsprach seinem geistigen Zustande-. Bert­

hold Stein hatte über diesesanstößige Verhältnis" den Ver­stand verloren.

Die Polizei hat bald darauf dasanstößige Verhältnis" zweier engelsreinen Seelen gewaltsam getrennt, um Christa in

das Armenkrankenhaus, Berthold in die städtische Irrenanstalt zu überführen.

Ein anstößiges Verhältnis," waren Bert­hold Steins letzte Worte, als er nach einigen Jahren auf dem Sterbelager lag.

Da plötzlich lichtete sich für einen Augenblick das Dunkel seines Geistes, es wurde Sonnenschein um ihn, die Welt schwamm im rosigen Golde.Christa!" hauchten seine sterbenden Lippen. Ehrista, meine Ehristaaa."

Der Sozialismus als Prodlcm der Philosophie.

Von

Preis. ». Ludwig Stein (Zürich).

^^as zur Neige gehende 18. Jahrhundert hat als Gedanken- summe des Zeitalters den Liberalismus ans sich erzeugt, der die künstlerischen und wissenschaftlichen Bestrebungen nicht minder als die sozialen Strömungen jener mächtig gären­den Zeit beherrschte. Ein beträchtlicher Teil der Kulturarbeit unseres Jahrhunderts ist nun zunächst daran gewendet worden, die etwas nebelhaften, vielfach chaotisch dnrcheinanderivogenden Ideen des französischen Liberalismus abklüren und nnsreifen zu lassen, sodann aber auch daran, die bewährten und eben darum fast allgemein gebilligten Forderungen desselben in Recht und Sitte zn verwirklichen. Und so hat sich denn in den Knlturstaaten der berechtigte Kern desjenigen, was die fran­zösische Revolution angestrebt hat, inzwischen fast durchweg zum Gesetz verdichtet.

An der Wende unseres Jahrhunderts nun erhebt sich ein neues Schlagwort, das ans aller Lippen schwebt und Millionen Herzen hoffnungsfroh dnrchzittert, ähnlich der früheren Wir­kung des Stichwortes Liberalismus die Bevorrechteten beklem­mend, die Hintangesetzten hingegen hypnotisierend, und dieses Schlagwort des seinem Ende entgegeneilenden 19. Jahrhun­derts heißt, wie Sie wissen, Sozialismus. Zum Glück hat sich dieser noch nicht mit so blutiger Schrift in die Blätter der Geschichte eingezeichnet, wie vormals der revolutionäre Li­beralismus. Allein mag der Sozialismus, den ich als ernste politische Strömung von den hirnverbrannten Anarchisten der Pariser Kommune scharf unterscheide, die herkömmliche Blut­läuse, wie sie in der Weltgeschichte jeder gewaltigen, einschnei­denden politischen Bewegung voranzugehen und ihr gleichsam die Weihe zn verleihen pflegt, noch nicht empfangen haben, so wird sich doch kaum in Abrede stellen lassen, daß der Kern­gedanke desselben in jüngster Zeit beachtenswerte, zur ernsten Prüfung herausfordernde Fortschritte gemacht hat. Hat es doch bei schärferer Beobachtung den Anschein, als ob sich vor unseren dingen eine stille, unblutige Revolution vollzöge, deren Strebensziel darauf hinauslänft, an die Stelle des verblassen­den Liberalismus eine neue Heilsbotschaft in der Form sozialer Ideale zu setzen. Das Losungswort der politischen Freiheit, das die Männer des vorigen Jahrhunderts elektrisierte, soll jetzt, nachdem jene errungen, durch das der ökonomischen Gleich­heit ersetzt werden. Handelte es sich dort mehr um geistige Güter, so treten hier die ökonomischen in den Vordergrund.

Allerdings bekundet die Art der Kampfmittel einen erheb­lichen Fortschritt im Sinne des humanen Gedankens. Die liberale Revolution stand unter dem Zeichen der Erfindung von Berthold Schwarz, die soziale hingegen vollzieht sich min­der geräuschvoll unter dem der Erfindung Gntenbergs. Dort floß das Blut in Strömen, hier wird zunächst nnr Tinte und Druckerschwärze vergossen. Und doch scheint der schwarze Saft in seiner Wirkung den roten an Radikalismus noch zu über­bieten. Während man nämlich durch diesen zwar siegen, doch