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Deutschland.
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nicht überzeugen kann, so vermag man durch jenen vermittelst der überzeugenden Kraft der Argumente zu siegen. Ja, es ist ein erhebender Triumph unserer erleuchteteren Zeit, daß so nrgewaltige Gegensätze, wie Sozialismus und individualistischer Staat, nicht mehr wie früher mit der rohen Faust aufein- anderplatzen, sondern wesentlich durch geistige Waffen zum Austrag gebracht werden. Die spitze Feder ist an die Stelle des scharfen Dolches getreten, der früher die Gegensätze auszugleichen hatte. Hat man sich aber erst allenthalben überzeugt, daß diese moderne Kampfesweise ebenso durchgreifend zu wirken vermag wie die ehemalige, dann dürfte in absehbarer Zukunft die Zeit heranreifen, die auf unsere Zeughäuser ebenso verächtlich und mitleidig herabblicken wird, wie wir etwa auf die Schüdelsammlungen jener Häuptlinge, welche die Köpfe erschlagener Feinde als Trophäen in ihren Prunkgemächern aufstellen.
Daß sich aber heute in Wirklichkeit gewaltige Gedankenumwälzungen ohne Blutvergießen vollziehen können, wird niemand verkennen dürfen, der die Zeichen unserer bewegten Zeit zu deuten versteht. Noch ist nämlich kein Kanonenschuß für oder gegen den deutschen Sozialismus erdröhnt, und schon durchschwirrt dieses Stichwort alle Stünde in Deutschland. Selbst im Vorstellungskreise der Hochmögenden und Meist- besitzenden hat das Schlagwort Sozialismus, vor wenigen Jahren noch verpönt und geächtet, in jüngster Zeit seine Schrecknisse erheblich eingebüßt. Man sängt allgemach an, dem mehr Gefürchteten als Fürchterlichen gedanklich nüherzutreten. Die fast abergläubische Scheu, als ob man den Sozialismus gleichsam als politische Mistelsucht anzusehen hätte, vor deren Berührung — auch nur im Gespräch, ja selbst in Gedanken — man sich ängstlich zu hüten habe, ist stark im Schwinden begriffen. Es mehren sich im Gegenteil die Anzeichen, daß dieses Schlagwort des zur Neige gehenden Jahrhunderts bald salonfähig, wenn nicht gar hoffähig wird. Ich erinnere Sie nur an das schöne und edle Manneswort des Prinzen Heinrich von Schönaich-Carolath, das dieser am 15. Januar 1890 im deutschen Reichstag gesprochen hat: „Ich bin immer noch der Meinung, daß eine freie Diskussion einer Widerlegung der Irrtüin er der Sozialdemokratie viel mehr nützen wird, als alle polizeilichen Mittel .... Es sind bei den Sozialdemokraten unzählige Verführte und unzählige Idealisten. Gestatten Sie mir an dieser Stelle auszusprechen: Wir sind in Deutschland im Begriff, die Ideale zu verlieren, wir leben in einer Zeit des Materialismus und des Strebertums. Geben Sie dem Volke seine Ideale!"
Doch brauche ich zum Erweise meiner Behauptung, daß einzelne Kerngedanken des Sozialismus in den Kreisen der Hochmögenden Beachtung und Würdigung finden, gar nicht bei einem fürstlichen Landrat Halt zu machen; die Ereignisse der jüngsten Zeit geben mir vielmehr das Recht, selbst an Thron und Altar zu exemplifizieren. Vergleichen Sie doch die klägliche, jämmerlich feige Haltung eines Ludwig XVI. gegenüber dem französischen Liberalismus des vorigen Jahrhunderts mit dem thatenfrohen, echt königlichen Vorgehen des deutschen Kaisers, der in seinen arbeiterfreundlichen, Gerechtigkeit atmenden Erlassen gegen den Willen und unter Beseitigung des erprobten Ratgebers seines Hauses einzelnen Forderungen des Sozialismus aus freien Stücken aus halbem Wege entgegengekommen ist. Das Fallenlassen des Sozialistengesetzes und die Einberufung der internationalen Arbeiterschntzkonferenz bilden ein ferneres glänzendes Zeugnis, daß der gedankenkühne und jugend- starke Kaiser Sinn und Verständnis für die soziale Frage hat. Endlich mag noch als symptomatisch für die Wellenkreise, die der soziale Gedanke in letzter Zeit gezogen hat, daran erinnert werden, daß der von unserer Republik längst angestrebten, vom Kaiser mit männlicher Energie aufgegriffenen und dnrchgesührten Arbeiterschntz-Kvnferenz, deren Ziele sich doch offenbar mit einzelnen Forderungen des Sozialismus ideell begegnen, ein katholischer Kirchenfürst (I)r. Kopp) anwohnte und den Segen des Papstes für das Gedeihen des Werkes überbrachte.
Angesichts aller dieser Thatsachen wird man sich kaum
verhehlen dürfen, daß die Grundidee des Sozialismus jetzt ebenso sehr politische und litterarische Mode zu werden beginnt, wie ehedem die des Liberalismus. Gar manche Kreise buhlen heute um die Gunst der modischen Schönen, um sich ihr zu vermahlen. Die wunderlichsten Verbindungen mit dem Sozialismus tauchen täglich auf. Bald hört man von einem katholischen, bald von einem protestantischen, wie überhaupt von einem christlichen Sozialismus, so daß die Kirche in allen ihren Schattierungen mit dem Sozialismus zu paktieren beginnt. Dann tritt der Kathedersozialismus hervor, der die Wissenschaft, insbesondere die von der sozialen Frage zunächst betroffene Volkswirtschaftslehre, mit dem Sozialismus verknüpft. Sehr bald stellt sich auch die Kunst ein, um ihrerseits zur Gedankennmwälzung ein erkleckliches Scherflein beizusteuern. Denn die heute so viel Staub aufwirbelnde naturalistische Richtung in allen Zweigen der Kunst, vornehmlich der Poesie, ist bei Lichte besehen und auf ihre tieferen psychologischen Motive zurückgeführt, teils unbewußter, teils verkappter Sozialismus. Nicht umsonst gehören die auftretenden Personen in den Dramen und Erzählungen der Naturalisten meist dem sogenannten vierten Stande an. Kann man doch folgende soziale Abschattung in der Dichtung deutlich beobachten. Der Durchschnittsroman des vorigen Jahrhunderts spielte in fürstlichen und hochadligen, der dieses Jahrhunderts vorwiegend in kleinadligen und bürgerlichen Kreisen, während die naturalistische Poesie der Gegenwart mit Vorliebe Stoffe aus den unteren und untersten Volksschichten bearbeitet. Das ist um so bezeichnender, als gerade die erzählende Dichtung die herrschende Tagesstimmung am schärfsten wiederzuspiegeln pflegt. Legt man aber diese Betrachtungsweise zu Grunde, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Naturalismus eine Poesie des vierten Standes anbahnt, ja in einzelnen seiner begabteren Vertreter sogar schon darstellt. Endlich tritt uns der Sozialismus in der Politik, sei es in der mildesten Form des Staatssozialismns, sei es in der schärfsten Tonart der Sozialdemokratie, tagtäglich in Parlamentssitzungen, politischen Reden und Broschüren aller Art entgegen. Kurzum, das neue Schlagwort tönt uns, in Deutschland zumal, allerorten entgegen; es schwirrt und spukt überall umher!
Doch halt! Ein großes Geistesgebiet giebt es, das sich in den letzten Jahrzehnten eine fast jungfräulich zu nennende Unberührtheit vom Sozialismus bewahrt hat, und dieses ist die moderne deutsche Philosophie. Natürlich soll dies in diesem Zusammenhänge kein Lob, sondern weit eher ein Tadel sein. Denn daß, von kleinen Streifzügen wie beispielsweise in Paulsens jüngst erschienener, Ethik und in Enckens trefflichem Umriß der Lebensanschauungen großer Denker abgesehen, die soziale Frage für die neuere deutsche Philosophie selbst in ihren umfassenden Hervorbringungen — wie z. E. Wundts groß angelegtes „System der Philosophie" — gar nicht vorhanden zu sein scheint, gereicht derselben keineswegs zum Ruhme. Und nur Unkundige, mit der entscheidenden Rolle der Philosophie in der Geistesgeschichte mangelhaft Vertrante werden die naive Frage aufwerfen: was hat die Philosophie mit dem Sozialismus zu schaffen? Nur bare Einseitigkeit wird sich zu der Behauptung versteigen, der Sozialismus sei ein Probleni und eben damit ein wissenschaftliches Monopol der Nationalökonomie! Es soll nicht bestritten werden, daß die Volkswirtschaftslehre heute das gewichtigste, meinethalben das entscheidende Wort in der sich immer schärfer zuspitzenden sozialen Frage zu sprechen berufen ist; aber die einzig kompetente Richterin und Wortführerin in der Lösung derselben ist sie keineswegs. Dazu hat sie weder das historische Recht, noch die sachliche Eignung.
Kein geschichtliches Recht. Denn der Sozialismus war sehr viel früher ein Problem der Philosophie, bevor er ein solches der Nationalökonomie wurde, ja ehe es noch eine solche Wissenschaft überhaupt gab. Und als diese verhältnismäßig junge Wissenschaft vor einem Jahrhundert noch im Flügelkleide einherging, da hatten die Cyniker und Platon die soziale Frage