Heft 
(1889) 45
Seite
739
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45.

Deutschland.

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Der Unterschied der beiden Richtungen wird am klarsten, wenn man den Namen Schiller in die Debatte wirft. Da wird dann kein Zweifel darüber sein, daß es die höchste Auf­gabe der Volksbühnen ist, das Gold der Schillerschen Dramen in die Massen zu bringen, Schiller bei den armen Volksklassen so populär zu machen, wie er es seit hundert Jahren bei der bemittelten Bourgeoisie ist. Und ebenso gewiß ist es, daß die freien Bühnen am Ende nicht vor der Aufgabe werden znrück- schrecken dürfen, dem Schillerschen Ideal ein neues Ideal ent­gegenzusetzen, d. h. mit dürren Worten die Schillerschen Dra­men als Werke einer veralteten Kunstübung zu bekämpfen.

In diesem Gegensätze liegt für das Kunstleben eines ganzen Volkes nichts so Unvereinbares, wie die Heißsporne einer un­klaren Zuknnftskunst - das Wort klingt so gräßlich, daß ich schwören will, es nie wieder zu gebrauchen, glauben machen wollen. Die hohe Gestalt Schillers verdient Dank und Pietät nicht nur von der historischen Betrachtungsweise, sondern sie hat ihre nationale Aufgabe überhaupt so lange nicht erfüllt, als nicht sämtliche Bolksklassen durch das Schillersche Ideal hin­durchgegangen sind. Für die obern Zehntausend fängt Schiller an historisch zu werden, im kleinen Bürgerstande ist er noch lebendig wirksam, der breiten Masse ist er noch kaum geboren worden. So ist es den Verhältnissen gar nicht widersprechend, wenn die obern Zehntausend, d. h. eigentlich wir neuerungs­süchtigen Litteraten und die blasierten Salonmenschen, von den historischen Jambenhelden zu den Trunkenbolden von Zola und Tolstoj fliehen, wenn das behäbige Bürgertum gleichzeitig für seinen Schiller neue Dekorationen malen und neue Kostüme anfertigen läßt, wenn man endlich für die Arbeiter neue große Bühnenhäuser baut, in denen sie erst Schillers Bekanntschaft machen sollen. And ich für meinen Teil habe gar nichts da­gegen, wenn auf diesen sittlichen Volksbühnen neben Schiller noch Wildenbruch, L'Arronge u. s. w. zu Worte kommen.

Es leben im Volke die Geschmacksrichtungen verschiedener Jahrzehnte und Jahrhunderte friedlich nebeneinander, und der wäre kein Volksfreund, der z. B. unfern Bauernstand vom An­fang des sechzehnten Jahrhunderts plötzlich und unvermittelt in das letzte Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts Hinein­reißen wollte. Wer heute mit Genuß Luthersche Kirchenlieder singt, kann morgen nicht lln äs kitzele werden.

Die stehenden Bühnen wie alle andern Kunstgeschichte haben nun darin die größte Ähnlichkeit mit dem Staate, daß sie sich einst mit dem Beifall des ersten und zweiten Standes begnügten und nun seit etwa hundert Jahren mehr dem Ge­schmack des zahlungsfähigen Bürgertums entsprechen. Auch der Staat denkt jetzt mehr als früher an den vierten Stand. Aber so wenig er seine Kunstakademien schließen oder den Unterricht, d. h. die Vererbung des erworbenen Kunstbesitzes den genialen Neuerern anvertranen wird, so wenig Joachim znrücktreten soll, um die Leitung der musikalischen Hochschule dem fortgeschrittensten Schüler Wagners zu übergeben, so wenig wird der Staat seine Anstalten zum Kampfe gegen Schiller benützen. Der Staat steht in Übereinstimmung mit der intelli­genten und langsamen Bourgeoisie, den volkstümlichen Be­mühungen, dem Arbeiter ein anständiges Theater zu schaffen, wohlwollend gegenüber; er verhält sich kühl abwartend zu den freien Bühnen, welche die alten Götzen stürzen wollen.

So bewegen sich wie gesagt in Staat und Gesellschaft die drei geschiedenen Thätigkeiten friedlich nebeneinander. Was wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aussieht, geht doch im selben Volke, in der gleichen Zeit nebeneinander vorwärts und arbeitet seltsamerweise von so getrennten Standpunkten dennoch gemeinsam an den:, was man den Nationalgeist zu nenneu gewohnt ist.

Freie Bühnen und Volksbühnen können vortrefflich neben­einander bestehen; völlig unverständlich ist es mir aber, wie beide nach dem gleichen Programme arbeiten wollen. Inter­essieren können sich Freunde des Dramas für beide Unterneh­mungen; wer aber meint, auf den freien Bühnen und auf den Volksbühnen dieselben Dichter sprechen lassen zu können,

der befindet sich in einem verhängnisvollen Irrtums über den Geschmack derjenigen Volksschichten, welche erst in das Theater geführt werden sollen. Ibsen ist der typische Vertreter dessen, was die freien Bühnen bringen sollen; Ibsen wäre der Tod jeder Volksbühne.

Und das aus einem sehr einfachen Grunde. Nicht nur das sogenannte niedere Volk, sondern jeder einfache Sinn ver­langt auf der Bühne die lebhaftesten Vorgänge zu sehen, wenn er ans seinem Platze stillhalten soll. Irgendwo ist immer Bewegung: entweder auf der Bühne oder im Zuschanerraum. Es liegt mir fern, Ibsen und die andern darum tadeln zu wollen, weil bei ihnen weniger Mord und Totschlag vorkommt als bei Schiller und Shakespeare; aber selbst da, wo der Mangel an äußerer Handlung durch ein modernes, vertieftes, psychologisches Drama ausgewogen wird, wird der schlichte Zu­schauer sich unbefriedigt fühlen und denScharfrichter von Berlin" der feinsten Analyse vorziehen. Und so weit stimme auch ich im Falle einer notwendigen Entscheidung für den Scharfrichter," daß ich allerdings glaube: das Drama der Zu­kunft wird dramatisch d. h. handlungsreich sein oder es wird nicht sein. Ibsen, Tolstoj und die andern, welche mit so stolzer Kraft neue Wege in den Ürwald zu schlagen angefangen haben, haben eben doch nur den Weg gewiesen; und das Drama der Zukunft, welches vielleicht in hundert Jahren die Bourgeoisie erobert habeu wird, wird eben wieder Handlung, wenn auch weniger Mord und Totschlag, auf den neuen Schauplatz bringen.

So erscheint das Wertvollste, was unsere Zeit prophetisch hervorzubringen vermag und was Monopol der freien Bühnen geworden ist, immer nur als Versuch. Mit Versuchen darf aber eine Volksbühne nicht kommen. Wenn die freien Bühnen wie Sokrates einmal von seiner philosophischen Manier sagte bei dem deutschen -Drama Hebammendienst leisten wollen, so sollen die Volksbühnen nie vergessen, daß sie vielen Besuchern die erste geistige Kost zu reichen, daß sie also Am- mendienste zu verseheu haben.

Kckeine Kritik.

Diesterwegs populäre Himmelskunde und mathematische Geographie. Elfte Ausl. Herausgeg. von Du. Wilhelm Meyer und Professor R. Schwabbe. Berlin 1889/90.

Über den Wert des obigen allbekannten Werkes ist an sich kein Wort mehr zu verlieren nötig; die neue Auflage, welche in Lieferungen mit vorzüglicher Ausstattung erscheint, bewährt feine alten Vorzüge, und die beiden hervorragenden Sachkenner, die die Besorgung dieser Aus­gabe übernommen haben der eine als Leiter derUrania," der an­dere als Direktor einer der hervorragendsten höheren Lehranstalten Berlins in den weitesten Kreisen bekannt haben dafür gesorgt, daß das Buch auf der Höhe der Zeit geblieben ist. ü.

Hypothese über die Entstehung von Sonia- und Propaga­tionszellen. Von Adolf Lendl. Berlin, Friedländer u. Sohn.

Der Verfasser stellt eine neue Lehrmeinnng über die Bildung von Keim- und Körperzellen und die ersten Wirkungen der Arbeitsteilung in der Lebewelt auf, welche von den bisherigen Annahmen Weismanns und anderer abweicht und zur Beurteilung derUnsterblichkeitsfrage" jedenfalls von Wichtigkeit ist, mag man sich ihr anschließen oder nicht. Als das Wesentlichste mag hervorgehoben werden, daß ihr Urheber die Teilung zweier Zellen niemals als eine vollständige Hälftung, also ein Zerfallen in zwei gänzlich gleichwertige Teile, auch nicht dem Wesen