Deutschland.
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wirklich nicht gleich daran, daß so etwas unpassend für eine junge Dame ist."
Sie sah zu ihm auf: es hatte etwas wie Verachtung in seiner Stimme geklungen, und als sie ihm in die Augen sah, graue Angen mit schweren Lidern, fand sie denselben Ausdruck in ihnen; aber daneben doch meist Gutmütigkeit, nachsichtige, herablassende Gutmütigkeit.
Dieser Blick reizte sie; er hielt sie für prüde, und dafür wollte sie durchaus nicht gelten.
„Darüber kann ich mich sehr gut hinwegsetzen," sagte sie stolz und warf den Kopf ans. „Übrigens," fügte sie lachend hinzu, „Sie sind ja Fremder und Gast hier, und es ist meine Pflicht, Ihnen die kleinen Sehenswürdigkeiten der Gegend zu zeigen."
Sie traten ans dem Spiel und wunderten an den See hinab, der in der Entfernung zwischen den Baumstämmen blinkte. Sie setzten sich unter eine alte Buche am Grasrain, der nach dem Strand hinabging. Der See lag blank wie ein Stahlspiegel, und der Wald stand auf dem Kopf im Wasser rund am Ufer herum. Es war gegen Abend: die Sonne näherte sich der Waldlinie, die Mücken tanzten, und die Luft wurde still. Vom Wald her hörte man das Lärmen der Gesellschaft, weit weg über den See glitt ein Boot, und wie sie dasaßen in ihren Hellen Kleidern in der grünen Dämmerung, einsam, still, nachdenklich, sahen sie aus wie der verkörperte Traum der Landschaft.
Sie saß und wartete, daß er etwas sagen sollte; aber da er still blieb, brach sie selbst das Schweigen: „Sie lieben die Spiele nicht, Herr Ingenieur?"
„Nein, ich schäme mich."
„Sie schämen sich?"
„Ja, ich schäme mich, Fräulein, über mich selbst, über alle andern. Mir kommt das alles zusammen so lächerlich vor. Und es widersteht mir bis zur Unerträglichkeit.
„Und ebenso ist es mit dem Tanz. Eine tanzende Gesellschaft ist für mich das Barockste des Barocken. Ja, wären es Menschen der Antike mit ihrem hohen Kultus des Körpers, mit ihren harmonischen Körpern und geschmeidigen Gliedern, das wäre was anderes, dieser graziöse und plaeide Rhythmus der Bewegungen. Aber sehen Sie doch unsere Herren und Damen an. Knallrote oder wachsgelbe Gesichter, Biertonnen mit wackelndem Magen, oder wahre Gerippe, an denen man die Knochen rasseln zu hören glaubt, und das hüpft und springt durcheinander im Galopp und jappt nach Atem und sieht aus, als erfülle es eine beschwerliche Pflicht.
„Das ist unschön. Sehen Sie, Fräulein, man hat nun bei uns und anderswo seit soviel hundert Jahren des Körpers Pflege und Schönheit vernachlässigt, daß, wo es sich um freie Bewegung handelt, alles zur traurigen Parodie wird. Wir können uns nicht frei bewegen, so wenig, wie wir frei fühlen können. Und seit ebensoviel hundert Jahren hat man uns die Unwürdigkeit und Unwirklichleit des Vergnügens vorgepredigt. Wenn wir uns nun vergnügen wollen, nehmen wir uns lächerlich ans, wie ein überstudierter Professor, der Purzelbäume schlagen will."
„Sie scheinen nicht viel von der Freude hier im Leben zu halten, Herr Björlman. Es ist ja möglich, daß Sie das Vergnügen entbehren können; aber die meisten, glaube ich, können nicht ohne dasselbe sein."
„Sie mißverstehen mich durchaus, Fräulein. Keiner kann die Freude höher stellen als ich. Ich glaube sogar, es ist unser größtes Unglück, daß wir verlernt haben froh zu sein. Aber ich will Sinn in der Freude haben; ich will ein bißchen Seele im Vergnügen finden können; ich will etwas geben und etwas dagegen eintauschen können.
„Wir tanzen Galopp durch unsere ganze Jugend und nennen das Freude. Und doch machen wir Ansprüche ans Glück. Wir haben ja wenig vom Leben und voneinander, Fräulein Sigrid. Der Baum des Lebens hängt voll von Früchten, und wir tragen mehr Schütze an Perlen und Edelsteinen in uns, als das Morgenland sich träumen ließ. Aber wir spielen Versteck voreinander, darin liegt immer der Fehler."
„Ich glaube nicht, daß ich Sie recht verstehe; jedenfalls haben Sie noch nichts, von der Art, wie wir das thuu, gesagt."
„Nein, Gott bewahre mich!" lachte er.
„Warum?"
„Das darf ich nicht."
„Warum nicht?"
„Nein, denn dann würden Sie gleich davonlaufen oder aufstehen und kalt, mit beleidigter Miene sagen: «Sollen wir nicht vielleicht aufbrechen, Herr Ingenieur?» Sehen Sie, wie Sie schon mißtrauisch aussehen, als witterten Sie in meinen unschuldigen Worten Dinge, in betreff welcher ein junges Mädchen von guter Erziehung ihre Unwissenheit dadurch beweist, daß sie sie nicht anssprechen läßt. Aber wenn Sie mich ruhig und klar ansehen, ohne Mißtrauen und ohne Verlegenheit, so will ich Ihnen etwas von diesen bedenklichen Dingen mitteilen."
Sie mußte lachen und wollte gerade antworten, als jemand nach ihnen aus dem Walde rief. Es war Halbdunkel unter den Bäumen, und die Gesellschaft brach auf. —
Einige Tage später, gegen Abend, ging Otto Bergdahl im Hanse umher und schloß Thüren und Fenster. Ein Gewitter drohte, es war ganz windstill und drückend schwül, und das Vieh auf dem Felde brüllte, wieherte und meckerte, wie immer vor einem Unwetter.
Björlman war zu Besuch; er und Sigrid saßen auf der Veranda; alle anderen hatten sich ins Haus zurückgezogen. Im Hintergrund, hinter den Ulmen des Parks, zog die blau- schwarze Wolkenwand auf; schon glitt ihr oberer Rand, gerade wie die Egge an einem Zengstück, über die Baumspitzen heran und Dämmerung fiel über die Gegend, dem ounklen Blick gleich, den das Auge hat, wenn es einer Sorge oder Gefahr eutgegeusieht.
„Sollen wir nun unser Gespräch von neulich fortsetzen?" fragte Sigrid lachend.
„Wünschen Sie es?"
„Ist es denn etwas so Schreckliches, was Sie zu sagen haben?"
„O nein. Aber es hat seine Schwierigkeiten, mit Damen darüber zu sprechen. Denn wo wir Männer uns freigemacht haben, stehen sie noch in voller Knechtschaft."
Er sah gerade vor sich hin; Fräulein Sigrid benutzte das, um ihn neugierig von der Seite zu betrachten.
„Finden Sie nicht," fuhr er fort, „daß es ein Meisterstück von Schlauheit, einfacher Schlauheit ist, daß man es fertig gebracht hat, die Liebe, die schöne, gute, frohe Liebe