Heft 
(1889) 47
Seite
763
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ZU 47.

Deutschland.

Seite 763.

hcrausgeqebenenBriefe" an den bei der Jenaer Universitäts- Bibliothek beschäftigten I>r. Weller hier besonders hervorge­hoben zu werden. Ihre Veröffentlichung entspricht jedenfalls keinem Bedürfnisse. DerBrief" Nr. 33 ich wähle die kürzesten aus lautet:

Ich wünsche die sämtlichen Tagebücher der bei der Aka­demischen Bibliothek eingestellten Personen."

Nr. 36.:

Bekommendes besorgen Sie gefälligst mit meinen schön­sten Grüßen. Lassen Sie sich ein Reeepisse geben."

Nr. 41:

Möchten Sie, mein bester Herr Doctvr, den Rentamt­mann veranlassen, daß ich den Johannisquartal-Extract der Bibliotheks-Rechnung baldigst erhalte, so werden Sie mir eine Gefälligkeit erzeigen. Das Beste wünschet G."

u. s. w.

Bieten solche Zuschriften wirklich, wie der Herausgeber behauptet,einiges Interesse?" . . . Ich erlaube mir dies mit Entschiedenheit zu bestreiten. Durch die Ausnahme derartiger Briefe in ein nicht für die fünf oder sechs gegenwärtig leben­den Personen, die in den nächsten Jahrzehnten ausführliche Lebensbeschreibungen Goethes bearbeiten werden,, sondern für die große Zahl der Gebildeten bestimmtes Jahrbuch kann letz­teren die ganze Goethe-Forschung schließlich nur verleidet werden.

(Schluß folgt.)

Leüensgrmeinsrhsften.

Von

Theodor Jaensch. (Schluß.)

sei es genug der Beispiele. Es fragt sich, wo wir den Faden finden, der alle die betrachteten Erscheinungen innerlich verknüpft, und sie zu einem Gesamtbilde ver­einigt, das uns einen Gewinn für die allgemeine Auffassung des Wcltlebens verspricht. Denn mit der bloß äußerlichen Unterbringung unter einen Gesichtspunkt ist es nicht gethan; mag er auch einfach genug erscheinen.

Nicht darin, daß wir die Thatsachen des Zusammenlebens verschiedenartiger Wesen aneinandergereiht haben, liegt das verknüpfende Band. Nur wenn wir in das Verständnis der Ursachen eindringen, die den Zusammenhang herbeiführen, wird unserem Erkenntnisdrange Genüge gethan; und nur dann erhebt sich eine solche Betrachtung über eine bloße augenblick­liche Anregung und eröffnet uns weiteren Ausblick.

Sehen wir uns zunächst nach der thatsächlichen Über­einstimmung um, die überall wiederkehrt, wohin wir auch den Blick gerichtet haben, so tritt uns als solche die Verschiedenartig­keit, ja Gegensätzlichkeit der Lebensbedingungen entgegen. Sie allein macht das Zusammenhalten möglich oder sogar notwendig. Flechtenpilz und Flechtenalge sind lebensbauliche Gegensätze, gerade darum aber auch Gegenstücke. Sie setzen einander voraus. Der eine braucht Sauerstoff und bildet Koh­lensäure, die andere braucht Kohlensäure und scheidet Sauer­stoff ab. Beide brauchen in Wasser gelöste Salzstoffe zur Nahrung; aber nur der Pilz kann sie aufnehmen, nur die Alge sie verarbeiten. Ein Gleiches gilt vom Siebenarm und der Grünalge; von Seerosen, oder Qualstern, und Gilbzellen. Alle diese Fülle betreffen den Ausgleich zwischen Ernährung und Atmung.

Der Einsiedler braucht Ruhe vor seinen Feinden; die See­rose schützt ihn. Der Seerose fehlt es an Nahrungsgelegen­heit; der Krebs verschafft sie ihr, weil seine eigenen Bedürfnisse anderer Art sind als die ihren, er selbst also nicht beeinträch­tigt wird. Die banmbewohnenden Ameisen suchen Obdach und Speise: der Armleuchter-, oder der Büffelhornbanm, gewährt ihnen beides. Dafür können ihm sonstige feindliche Angriffe

nicht mehr gefährlich werden; die Ameisen halten sie ab. Der Büffel in Mechiko fürchtet die Mücken; der Schildwachvogel sucht sie auf; ihm können sie nicht schaden, nur nützen. Aber indem er sie wegfängt, hat der Büffel vor seinen Peinigern Ruhe; und jeder hat seinen Vorteil erreicht. Das ist nur ein augenblickliches Ergänzen, aber es ist doch eines.

Wenn Tiere und Pilze nicht Kohlensäure ausatmeten, so würden die echten Pflanzen den im Luftkreis vorhandenen Vor­rat daran bald erschöpft haben; denn dieser betrügt ja noch nicht einmal ein Zweitaufendstel der gewöhnlichen Atemluft. Ebenso würden auch Pilze und Tiere bald mit dem vorhan­denen Sauerstoff aufgeräumt haben, obgleich seine Menge viel bedeutender ist. Aber Pflanzen- und Tierwelt ergänzen ein­ander im großen wie im kleinen; im Gesamthaushalte der Erde wie auf dem beschränkten Raum einer Flechtenansiedelung, oder im Leibe eines dem bloßen Auge fast unsichtbaren Sieben- ürmchens. Eines greift in das andere; fehlte eine Schraube, so würde bald das ganze Werk stillstehen. In notwendiger Lebensbeziehnng steht alles, was Leben heißt; und erklärt wird uns dieses wunderbare Jneinandergreifen nur durch die Art seines Entstehens und die Bedingungen, unter denen es zu stände kommt. Wie ganze Lebensreiche aufeinander an­gewiesen sind; wie die einzelnen Glieder ohne einander nicht bestehen können; so bedarf es doch oft wieder nur der An­passung einzelner Teile aneinander oder an einGanzes. Der Vergesellschaftung von Bodenpilzen mit Baumwnrzeln steht die allbekannte, aber doch erst in den letzten Jahrzehnten zur unumstößlichen Gewißheit gewordene gegenseitige Abhängigkeit von Blumen, und Honig- oder blütenstaub-, manchmal auch uur obdachsuchenden Kerfen* zur Seite. Die Blumen würden

* Über die Beziehungen zwischen Honig, oder Blütenstaub, bie­tenden Blumen, und den dadurch herbeigelockten Kerfen, welche unbewußt die Bestäubung der Narben und dadurch die Befruchtung vermitteln, sind, seitdem diese Verhältnisse näher erkannt worden sind, ganze Biblio­theken geschrieben worden. Ihre Mannigfaltigkeit ist unerschöpflich, und näheres Eingehen auch hierauf im Rahmen des vorliegenden Aufsatzes nicht möglich. Dagegen sei beiläufig zweier, nebst anderen hierher ge­hörigen, noch nicht allzulange aufgeklärter, Fälle Erwähnung gethan, in welchen die Bestäubung durch die Thätigkeit eierlegender Kerfe ver­mittelt wird.

Der eine davon betrifft den gewöhnlichen, in Süd-Europa ein heimischen Feigenbaum und seine sämtlichen Gattungsgenossen, zu denen auch der als Blattpflanze bei uns so häufig gezogene sogenannte Gummibauin" gehört. Wer jemals schon einen Feigenbaum im Freien gesehen hat, wird in der Regel wohl Früchte, aber niemals Blüten daran gesehen haben. Es scheint, als ob die Früchte unmittelbar ohne vorhergehende Blütenbildung aus den Zweigen hervorwüchsen. Selbst Linne rechnete deshalb in seiner ersten Einteilung des Pflanzenreiches den Feigenbaum noch zu denKryptogamen," denverborgenblühenden" Pflanzen, die wir heute richtiger als Sporengewächse bezeichnen. Erst später erkannte er seinen Irrtum; aber in Wirklichkeit Paßte gerade hier der Name in seinem eigentlichen Wortsinne vollständig. Denn in der Feige blüht der Baum thatsächlich versteckt vor den Augen der Menschen.

Die Feigen sind nämlich keine Früchte, sondern ganze Zweige: nur eigentümlich umgebildet. Sie sind verkürzt und verdickt; dabei fleischig und hohl geworden.So hat das Ganze die Gestalt einer oben nur mit einer äußerst engen Öffnung versehenen Urne, welche äußerlich einer Birne nicht unähnlich sieht. Die enge Öffnung ist kaum sichtbar; sie ist mit kleinen, schuppenartigen Blättern besetzt, die sie verdecken; im Innern aber, an den Wänden, sitzen die Blüten. Diese sind zahlreich, sehr klein, und von verschiedener Ärt. Beim gewöhnlichen Feigenbaum enthalten gewisse Urnen nur Frnchtblüten, d. h. solche, die eine Frucht­anlage, aber keine Staubblätter (Staubgefäße") enthalten; andere da­gegen tragen, besonders im oberen Teile,Staubblüten," außerdem aber sogenannteGallenblüten," die als verkümmerte Frnchtblüten zu be­trachten sind. Damit die echten Frnchtblüten zur Entwickelung kommen und Samen tragen, ist es notwendig, daß Blütenstaub aus den Staub­blüten der einen Urnen ans die Narben der anderen übertragen wird; denn auf den Narben derGallenblüten" ist er gewöhnlich unwirksam. Diese Vermittlung von Urne zu Urne erfolgt einzig und allein durch die Thätigkeit eines winzigen Kerfs, der Feigen-Gallwespe.

Die Feigen-Gallwespe ist so klein, daß es ihr möglich wird, zwischen den Schuppenblättern der Urnenmündung hindurch in das Innere zu gelangen; und ist sie so weit, so legt sie ihre Eier mittels ihres Lege­stachels je nach der Urne, in der sie sich befindet, an echte Frnchtblüten oder Gallenblüten; und zwar von der Narbe aus durch den Griffel in das Innere des Fruchtknotens, wo die jungen Samenanlagen ihre Stelle haben. Nun haben die Gallenblüten kürzere Griffel als die

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