Fontanes Kriegsbücher Parr 143 keit unterhaltend sein, er will den poetischen Gehalt dieser Kämpfe betonen, ihrer Darstellung ein Etwas von dem Reiz eines Epos geben, aber er will zugleich sachlich zuverlässig sein und das Richtige wenigstens insoweit treffen, wie dies von einem Nicht-Militär billigerweise erwartet werden kann. Es stellen sich diese Bücher somit als eine Mischgattung dar, deren von der Gattung unzertrennbare Schwächen durch dafür eintretende Vorzüge balancirt werden müssen. 11 Die Rede von einer»Mischgattung« darf, wie diese Passage zeigt, keineswegs abwertend verstanden werden, sondern meint vielmehr das ausbalancierte Justemilieu des Besten zweier Pole, hier realisiert in Form der seit der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche im journalistischen Schreiben fest verankerten Waage-Symbolik und der daraus resultierenden Rechts/Mitte/Links-Achse. Weiter heißt es nämlich: 12 Die äußersten Flügel kommen für uns in Wegfall, aber was in der Mitte und selbst noch im rechten und linken Centrum steht, alle diejenigen, die eine Vermittelung zwischen dem Respekt vor dem Thatsächlichen und der Rücksicht gegen vollberechtigte Ansprüche des großen Publikums nicht nur für möglich, sondern selbst für geboten halten, – alle diese werden auch zu der nunmehr in ihrem ersten Halbbande vorliegenden Geschichte des 1870/1871er Krieges, wie zu der des Feldzuges von 1864 und 1866 ihre Zustimmung geben. 13 Als ›Mischtext der Mitte‹ muss der kompilatorisch-mehrperspektivische Charakter von Der Krieg gegen Frankreich auch gar nicht mehr gattungsästhetisch diskutiert werden, was unweigerlich das poetologische Dogma der Gattungsreinheit ins Spiel gebracht hätte. Stattdessen wird von der dem Gegenstand einzig und allein adäquaten Kombination der verschiedenen Darstellungspotenziale ganz unterschiedlicher und eben nicht nur literarischer Gattungen aus argumentiert. Stillgestellt wird das im Hintergrund latent präsente Kriterium der Gattungsreinheit zudem dadurch, dass es sich bei Fontanes Kriegsbüchern nicht um hohe Kunstliteratur, sondern um unterhaltende Darstellungen für eine breitere Leserschaft, das in den Rezensionen immer wieder genannte ›große Publikum‹ 14 handelt. Und auch wenn Der Krieg gegen Frankreich in einigen der Rezensionen als ›Volksbuch‹ bezeichnet wird, ist dies eine Formulierung, in der das positive Verständnis von ›Mischgattung‹ als ›integrale Schreibweise in der Mitte‹(literarisch, aber zugleich faktual; populär, aber zugleich sachlich fundiert; verständlich, aber nicht effekthaschend) bereits mit einer Vorstellung von der Zusammensetzung der avisierten Leserschaft(›der gebildete Laie‹) verknüpft ist. 15 Ganz ähnlich sieht es mit der Zuschreibung von ›populär‹ aus, die bei Fontane mit Bezug auf seine Kriegsbücher ohne weiteren Zusatz positiv gewertet ist, mit Zusätzen wie ›populäre Abzweigung der Sensations-Novellistik‹ jedoch negativ. In beiden Fällen wird aber bereits eine je spezifische Leserschaft konnotiert.
Heft
(2021) 111
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