Heft 
(2021) 111
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Fontanes Kriegsbücher  Parr 143 keit unterhaltend sein, er will den poetischen Gehalt dieser Kämpfe beto­nen, ihrer Darstellung ein Etwas von dem Reiz eines Epos geben, aber er will zugleich sachlich zuverlässig sein und das Richtige wenigstens inso­weit treffen, wie dies von einem Nicht-Militär billigerweise erwartet werden kann. Es stellen sich diese Bücher somit als eine Mischgattung dar, deren von der Gattung unzertrennbare Schwächen durch dafür ein­tretende Vorzüge balancirt werden müssen. 11 Die Rede von einer»Mischgattung« darf, wie diese Passage zeigt, keines­wegs abwertend verstanden werden, sondern meint vielmehr das ausbalan­cierte Justemilieu des Besten zweier Pole, hier realisiert in Form der seit der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche im journalistischen Schreiben fest verankerten Waage-Symbolik und der daraus resultieren­den Rechts/Mitte/Links-Achse. Weiter heißt es nämlich: 12 Die äußersten Flügel kommen für uns in Wegfall, aber was in der Mitte und selbst noch im rechten und linken Centrum steht, alle diejenigen, die eine Vermittelung zwischen dem Respekt vor dem Thatsächlichen und der Rücksicht gegen vollberechtigte Ansprüche des großen Publi­kums nicht nur für möglich, sondern selbst für geboten halten, alle diese werden auch zu der nunmehr in ihrem ersten Halbbande vorlie­genden Geschichte des 1870/1871er Krieges, wie zu der des Feldzuges von 1864 und 1866 ihre Zustimmung geben. 13 Als ›Mischtext der Mitte‹ muss der kompilatorisch-mehrperspektivische Charakter von Der Krieg gegen Frankreich auch gar nicht mehr gattungsäs­thetisch diskutiert werden, was unweigerlich das poetologische Dogma der Gattungsreinheit ins Spiel gebracht hätte. Stattdessen wird von der dem Ge­genstand einzig und allein adäquaten Kombination der verschiedenen Dar­stellungspotenziale ganz unterschiedlicher und eben nicht nur literarischer Gattungen aus argumentiert. Stillgestellt wird das im Hintergrund latent präsente Kriterium der Gattungsreinheit zudem dadurch, dass es sich bei Fontanes Kriegsbüchern nicht um hohe Kunstliteratur, sondern um unter­haltende Darstellungen für eine breitere Leserschaft, das in den Rezensio­nen immer wieder genannte ›große Publikum‹ 14 handelt. Und auch wenn Der Krieg gegen Frankreich in einigen der Rezensionen als ›Volksbuch‹ bezeich­net wird, ist dies eine Formulierung, in der das positive Verständnis von ›Mischgattung‹ als ›integrale Schreibweise in der Mitte‹(literarisch, aber zugleich faktual; populär, aber zugleich sachlich fundiert; verständlich, aber nicht effekthaschend) bereits mit einer Vorstellung von der Zusammenset­zung der avisierten Leserschaft(›der gebildete Laie‹) verknüpft ist. 15 Ganz ähnlich sieht es mit der Zuschreibung von ›populär‹ aus, die bei Fontane mit Bezug auf seine Kriegsbücher ohne weiteren Zusatz positiv gewertet ist, mit Zusätzen wie ›populäre Abzweigung der Sensations-Novellistik‹ jedoch ­negativ. In beiden Fällen wird aber bereits eine je spezifische Leserschaft konnotiert.