Heft 
(2021) 111
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144 Fontane Blätter 111 Dossier: Fontanes Der Krieg gegen Frankreich Konsequenterweise entwickelt die ›Waschzettel-Selbstanzeige‹ dann auch einen Ausschnitt aus der tatsächlichen Spannbreite möglicher Rezipientin­nen und Rezipienten als das Publikumsprojekt Fontanes, welches all dieje­nigen umfasst, die von einer angenommenen Mitte aus zwischen schrei­benden Offizieren mit militärischem Fachwissen in der einen Richtung und den Leserinnen und Lesern der populären, effekthaschenden Novellistik in der anderen angesiedelt sind: Der Offizier, der mit Hülfe einer ebenso exakten wie detaillirten Darstel­lung und unter gleichzeitiger Ausnutzung einer ganzen Schachtel voll buntköpfiger Nadeln die Schlachten bei Wörth oder Spichern noch ein­mal zu schlagen gedenkt, wird bei der Lektüre dieses Buches freilich ebensowenig seine Befriedigung finden, wie derjenige, der von einem beständigen Grusel-Verlangen erfüllt, in der populären Abzweigung der Kriegsliteratur nur ein neu erobertes Feld der Sensationsnovellistik erblicken möchte. 16 Versteht man solche und weitere Charakterisierungen auch als Markierun­gen für distinkte Positionen im prosperierenden Feld der zahlreichen um Aufmerksamkeit konkurrierenden Kriegspublikationen nach 1870/71, dann ist in Anlehnung an die Feldtheorie Pierre Bourdieus 17 erstens zu fragen, wie dieses Feld bzw. dieser Markt denn eigentlich aussah, und zweitens zu prüfen, ob Fontane darin mit dem Projekt seiner Kriegsbücher tatsächlich jene spezifische und vielleicht sogar singuläre Position eingenommen hat, die er in der Waschzettel-Besprechung entwirft. Um beiden Fragerichtun­gen nachgehen zu können, wird die Feldtheorie Bourdieus im Folgenden insofern um eine diskurstheoretische Perspektive ergänzt, als die Spezifik von Kriegsbüchern auf ein Publikum bezogen wird, verstanden als Aus­schnitt aus der Spannbreite des sozialen Spektrums zur Zeit Fontanes. Dazu werden die zeitgenössischen Rezensionen auf wiederkehrende Argumenta­tionsmuster und Diskurselemente hin untersucht. Anders als bei Bourdieu geht es also nicht primär darum, Werke in Beziehung zur sozialen Stellung von Autoren zu setzen, 18 sondern Fontanes Stellung im Feld der Kriegspub­lizistik zu rekonstruieren. Das Feld der Kriegspublizistik zu Fontanes Zeit Mit seiner Kriegspublizistik begab sich Fontane auf»einen ›Markt‹,[] den er sich mit vielen« anderen Autoren unterschiedlichster Provenienz»teilen mußte«. 19 Von daher kam es darauf an, für das eigene Schreibprojekt eine distinkte Position einzunehmen. An Otto Baumann, den Geschäftsführer seines Verlags, der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei Rudolf von Decker, schrieb Fontane am 3. September 1872, dass»das Publikum auf den ersten Blick vorausfühlen« wolle,