Heft 
(1991) 51
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6. Biographische Angaben (unter besonderer Berücksichtigung des meist akade­mischen Bildungsweges, der Berufe bzw. Ämter, der materiellen Lebensum­stände, der Wohn- und Wirkungsstätten).

Als Quelle dienten neben dem Tunnelarchiv und den biographischen Standard­werken die unveröffentlichten Manuskripte Joachim Kruegers, die mit Hilfe der Dokumentenanalyse und des vergleichenden Literaturstudiums bearbeitet wurden.

Die Analyse dieses Datenmaterials ist die Voraussetzung zur genaueren Erfor­schung literarischer Vereinigungen. Hier sollen Überlegungen zu folgenden Fragen im Mittelpunkt der Betrachtung stehen:

- Verdient der Tunnel die Bezeichnung .Dichterverein', und welches Etikett kommt ihm zu, wenn sich die Vermutung bestätigt, daß er kein Zusam­menschluß von Literaten war?

- Innerhalb von mehr als siebzig Jahren (1827-1898) tagte der Tunnel beinahe jeden Sonntag. Wie ist diese ungewöhnliche Langlebigkeit einer literarischen Vereinigung des 19. Jahrhunderts zu erklären?

Der Tunnel, einDichterverein" ?

Etwas mehr als zwanzig Jahre nach Gründung des Tunnels äußerte Fontane, der Verein habe sich inzwischen zu einemDichterverein' entwickelt. Im Hin­blick auf den soziologischen Hintergrund erscheint diese Einschätzung aller­dings fragwürdig. Wertet man nur die Personen als Schriftsteller, die ihren Lebensunterhalt mit literarischer Tätigkeit bestritten, so ist ihr Anteil an der Tunnelmitgliedschaft vor 1837 nicht nennenswert. Während Fontanes Mitglied­schaft war etwa ein Fünftel der Tunnelmitglieder als Schriftsteller oder Journa­listen tätig. Den Löwenanteil der Mitglieder stellten dagegen höhere Beamte bzw. Juristen und Offiziere, wobei auf Beamte und Juristen etwa 25%, auf Offiziere etwa 15% entfielen. Das Sozialprofil blieb bis 1877 weitgehend un­verändert.

Trotz dieser Zahlenverhältnisse finden sich unter den Tunnelmitgliedern Künst­ler, die dem zeitgenössischen Leser des 19. Jahrhunderts durchaus als namhafte Autoren bekannt waren: heute jedoch werden lediglich Fontane und vielleicht Heyse von einem breiteren Publikum rezipiert.

AlsDichterverein" im Sinne eines Anziehungspunktes für Poeten kann der Tunnel zu keiner Zeit betrachtet werden, wenn man bedenkt, daß sich nur fünf Mitglieder bei ihrer Aufnahme als Schriftsteller bezeichneten. Statt etablierter Dichter zog der Verein vielmehr literarisch Interessierte und Ambitionierte an. So trat über die Hälfte aller Mitglieder im jugendlichen Alter zwischen 19 und 25 bei. Unter ihnen fanden sich sowohl jene, die auf eine literarische Karriere hofften, als auch literarische Dilettanten, die sich der Literatur zum Zeitvertreib widmeten.

Fontanes BezeichnungDichterverein" wird dem Wesen des Tunnels also zwei­fellos nicht gerecht. Treffender ließe sich die Literarische Sonntagsgesellschaf t als allgemein künstlerischer Verein mit literarischem Schwerpunkt charakteri­sieren. Dieses Bild ergibt sich, wenn man sich der Aktivitäten des Tunnels er-

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