In der Epoche der Einigungskriege und der Reichsgründung näherte sich Fontane dem Urteil seiner Zeitgenossen. Er hat dem preußischen Ministerpräsidenten seine Kriegsbücher übersandt und erhielt einen anerkennenden Brief, mit Datum 27. November 1867, von Lothar Bücher verfaßt und von Bismarck selbst unterschrieben. In einer überschwenglichen Passage seines Scottaufsatzes aus dem Jahr 1871 heißt es: " Unsere Zeit besitzt jetzt wieder einen Namen, der 'Haushalt-Wort' über die ganze Welt hin geworden ist - es gibt keine Südseeinsel, wohin nicht der cri de guerre Bismarcks gedrungen wäre." 1 *
Hierher gehört auch das strittige und gut erforschte Kapitel der Bismarckgedichte Fontanes, von denen er später meinte: "in Versen habe ich Ungeheuerliches geleistet", 19 vom Gelegenheitsgedicht des 16. Juni 1871, wo Bismarck als 'Heiratsvermittler’ zwischen Braut (Germania?) und Bräutigam (Volk?) auftritt, aus dessen Ehe "Neudeutschland" hervorgehe, über das jung-Bismarck betitelte hurrapatriotische Poem zum siebzigsten Geburtstag Bismarcks, neben dem humoristischen Zeus in Mission aus dem gleichen Jahr, bis hin zum letzten, zunächst von Fontane verweigerten Gedicht: Wo Bismarck liegen soll. 20 Solch Auftragswerk läßt sich sicherlich in der Generationserfahrung begründen, auch legitimieren, daß Bismarck die ersehnte Reichsgründung vollzogen hat, freilich zum anderen auch in dem persönlichen Einsatz Bismarcks zur Befreiung Fontanes aus der französischen Gefangenschaft im Winter 1870.
Fontanes Verhältnis zum Reichsgründer trat nach dem endgültigen Abschluß seines Romans Vor dem Sturm allmählich in ein neues Stadium, wenn er auch gelegentlich noch in den achtziger Jahren durchaus im bismarckschen Sinn und Vokabular zu reden verstand. 21 Der Roman und seine Aufnahme beim Publikum geben bekanntlich Zeugnis für die einsetzende kritische Distanz seitens seines Autors zum Zeitgeschehen und Zeitgefühl, und in den folgenden Jahren wird seine Haltung zu Bismarck differenzierter, kritischer. Im Rahmen der von den Historikern genannten Zweiten Deutschen Reichsgründung suchte Bismarck etwa seit der Mitte der siebziger Jahre die eigene Machtposition zu festigen, indem er den Ausbau von verfassungsrechtlichen Strukturen im Reich in ihrer Entwicklung hemmte oder gar rückgängig machte, liberal Denkende aus der Verwaltung trieb und in seiner Tarifpolitik die ostelbischen Grundbesitzer für den Verlust ihrer rechtlichen Privilegien mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen kompensierte. In der Epoche des Sozialistengesetzes wurde Bismarck, wie oft bei herrschsüchtigen Willensmenschen und massiven Egoisten, zunehmend zum Opfer depressiver Zustände und jener schon erwähnten alptraumartigen Visionen des Abbröckelns des Reiches, wie die Glieder eines aussätzigen Körpers. In dieser Zeit beginnt Fontane in seinem Erzählwerk Bismarck jene Stellung zu sichern, die nach seinem Ermessen dem Reichsgründer gebührte. Das hintersinnige Wort vom “Schwefelgelben" im Brief an Maximilian Harden aus dem Jahr 1894 ist besonders aufschlußreich. Die bekannte Briefstelle, die den Adressaten gereizt hatte und wohl von diesem nicht ganz verstanden wurde, lautet:
“In fast allem, was ich seit 70 geschrieben, geht der 'Schwefelgelbe' um und wenn das Gespräch ihn auch nur flüchtig erwähnt, es ist immer von ihm die Rede." 22
Jedem Fontaneleser dürfte die Anspielung auf den gelben Kragen des Halberstädter Kürassierregiments vertraut sein, dem Bismarck angehörte. Er ist sehr anschaulich in der 1885er Fassung des bekannten Anton von Wernerschen Bildes zu sehen: Die Proklamation des deutschen Reiches, das Kaiser Wilhelm I.
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