Teil eines Werkes 
Bd. 3 (1912) Die Volkskunde / von Robert Mielke [u.a.]
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Die ganze Haltung des Liedes, wie auch seine weite Verbreitung von Rügen bis zur Schweiz, von den flämischen Provinzen bis Siebenbürgens spricht für ein hohes Alter des Liedes, wenn auch bisher keine ältere Fixierung hervorgetreten ist, als das von Arnim 1806 für das Wunderhorn benutzte fliegende Blatt?)

Ein anderes Lied oder gereimtes Gebet denn es wurde nicht gesungen - weist durch seine dem LiedeJesus im Garten" eng verwandte Bildersprache in die gleiche Lntstehungszeit, wenn auch alte Bezeugungen fehlen. Es ist das kurze, aber ausge­zeichnete LiedWenn der Jüngste Tag wird werden". Das Volk muß es sehr geliebt haben, in weit voneinander entfernten Gegenden hat man es gefunden, fo in Gberhessen und Böhmen; um 1840 ward es in Thüringen gehört; hierzu gesellt sich nun die märkische Fassung aus Neudamm bei Tüstrin und dem Jahre 1856 als eine der jüngsten?)

Wenn der jüngste Tag will werden.

Dann fallen die 5ternlein auf die Erden.

Dann beugen sich die Bäumelein,

Dann singen die lieben Engelein.

Dann kömmt der liebe Gott gezogen Auf einem schönen Ziegenbogen,

Und sagt:Ihr Toten, ihr Toten sollt auferstehn,

Ihr sollt vor Gottes Gerichte gehn!"

Im Himmel war ein Tisch mit Blut,

Da standen unfern Herrn Jesus seine fünf Munden rot,

Meil ihn die Juden geschlagen hatten.

Mer das Gebetlein beten kann,

Der bet es alle Tage nur einmal.

Dann wird er kommen in's Himmels Saal!

Die prachtvolle Bilderkraft -es Liedes sicherte ihm früh die Beachtung der Kunst- dichter: Tlemens Brentano verwendete es wirkungsvoll in der Exposition seiner Novelle vom braven Kasperl und dem schönen Annerl. Das Bild vom Regenbogen als dem Throne Gottes ist vermutlich (wie auch Böcke! meint) sehr alt.

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Wir stehen am Ende unserer Übersicht über die größeren selbständigen Lieder.

Bei unserem um die Witte des 1 g. Jahrhunderts genommenen Querschnitte sahen wir auf dem Gebiete der Ballade und des geistlichen Liedes die alten, in die Blütezeit der Volksdichtung, also das. und 16. Jahrhundert, hinaufreichenden Volkslieder noch im Übergewicht und ihre Texte im ganzen in erträglicher Erhaltung. Bei den Liedern aus Natur und Wenschenleben samt den Standesliederu sehen wir Altes und Neues in lebhaftem Wettbewerb und manches Stück des f8. Jahrhunderts fest eingebürgert. Gb eine heutige Erhebung den gleichen (Instand ergäbe? Schwerlich. Wan wird den An-

H Mariage S. 25.

H Wunderhorn 2 ,,»; Bode a. a. G. 5üü.

b) Erks Nachlaß 28»s<i-