Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1916) Die Kultur / von Robert Mielke ...
Entstehung
Seite
238
Einzelbild herunterladen

238

Äußerungen über bis Echtheit und Anechtheit der Prophezeiung erschienen ich Von all den zahlreichen Schriften und Büchern, die dieser oft recht unerquicklichen Materie ge­widmet sind, nenne ich nur diejenigen, welche die vorhandenen oder angenommenen Probleme des Vutioirüums in irgendeiner Weise gefördert haben.

Die Lehninische Weissagung, deren Text so leicht zugänglich ist, daß sich ein Abdruck hier erübrigt, besteht aus hundert leoninischen Hexametern, die ihren Stofs und Inhalt, wie Wilhelm Giesebrecht nachgewiesen hat/) aus zwei bekannten Werken mär­kischer Geschichte schöpfen: A. Angelus' (Engel), ^uualos Llarebirm Druuäou- bnrAicue, 1 3H8, und Ioh. Wolfg. Rentsch, Brandenburgischer Leder-Hain, 1682; als ihr Endziel kann man den bevorstehenden Sieg des Papismus über den deutschen Pro­testantismus sowie die Unterwerfung Deutschlands und Preußens unter einen katholischen Monarchen bezeichnen. Erwähnt wurde sie zum ersten Male von Lhristian Heinrich Velven im Märzheft seiner nur j708 bis Anfang j70st erschienenen Monats­schrift der frühesten dieser Art in Berlin Lurieuse Natur-Kunst-Staats- und Sitten-Präsenten: er fordert dabei die deutsche Nation zur Tat auf, damit das 200jährige Vaticinium" in Erfüllung gehe; bald daraus erschien sie zum ersten Male gedruckt in Georg Peters Schulz' Das Gelahrte Preußen, Monat Julius 1723 (S. 28st), allerdings nur Verszeilen, weil man die Hexameter 3t/ 58, 80 und 83 als damals zu bedenklich ausgelassen hatte. Dieselben Verse fehlen auch im zweiten Drucke, in Georg Seylers Der preußische Wahrsager; aus geheimen Nachrichten und Urkunden sorgfältig zusammengetragen . . . von Zoroaster s74/; zum ersten Male war eine Übersetzung bei­gefügt, die, in gereimten Jamben, von dem 17 s7 gestorbenen Professor in Frank­furt a. d. G. Ioh. Lhrist. Beckmann verfaßt war. Viermal treibt nun diese Weis­sagung ihr Wesen: es ist nicht zu leugnen, daß Brandenburgs Ansehen bald nach dem Tode des Großen Kurfürsten im Schwinden begriffen war, viele traten aus Gründen der religiösen Spannung und Spaltung zum Katholizismus zurück. Die Schwäche der Regierung, Umtriebe der höfischen Kreise, das gegenseitige Sich-Zerfleischen der refor­mierten und lutherischen Kirche, die Widerstandslosigkeit gegen katholische Angriffe und Machenschaften mannigfacher-Art: das alles hatte das Ende des 1,7. Jahrhunderts für das Entstehen und die Wirkung einer derartigen Weissagung, wie es die lehninische ist, besonders empfänglich gemacht. Schon aus inneren Gründen geht hervor, daß sie damals von einem Feinde der Hohenzollern und des Protestantismus niedergeschrieben wurde, und durch ihre zunächst nur geheime Verbreitung viel Unruhe stiftete. Dann tauchte sie im Anfang der Regierung Friedrichs des Großen plötzlich wieder auf: sie wurde dazu benutzt, um dem Könige eine große, herrliche Zukunft zu verheißen. Weiterhin schlummerte die Weissagung bis zum Jahre 1807, wo sich nach dem Zusammenbruche von Jena zahllose Schriften mit Preußens Zukunft beschäftigten, und wo man sich in den Nöten des Vaterlandes auch an die Hilfe klammerte, die aus dem Munde und den Versen eines märkischen Mönches aus dem Jahre 1300 kommen sollte. In den vierziger Jahren schließlich hat man sie im Interesse des Katholizismus, aber unter dem Anscheine und der Flagge des Patriotismus und der Liebe zum Vaterlande aus-

0 In N). A. Schmidts Allg. Zeitschr. f. Geschichte, Bd. 6, 18HS, s. -zzz/ 78 ; dazu die Vor­rede von I. L. L. Gieselers Schrift: Die Lehninische Weissagung, i; 8 »A, 5 . IV.