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die geringste Spur einer Hinneigung zum Katholizismus entdecken ließ; nach seiner Meinung war der evangelische Prediger Andreas Fromm am Ausgange des 17. Jahrhunderts der Urheber, „welcher aus dem Seelen-gefährlichen Schismate und Trennung der Thristenheit zur Einigkeit der wahren Kirchen wieder gekommen war", so daß sich als die Weissagung als das Geistesprodukt eines Konvertiten darstellte. Fast gleichzeitig verlegte Meinhold/) der seit 185s ebenfalls.Konvertit war, die Entstehung des Vatioluiums in das Jahr 1234; sein Buch, dem im März und April 1849 eine lebhafte Zeitungspolemik zwischen ihm und Giesebrecht folgte, ist „das Werk bewußter, absichtsvoller Lügen und Fälschungen, wie sein ganzes Wesen und Leben eine Lüge war". Für den genannten Andreas Fromm entschied sich auch A. Hilgenfeld; ft „das Gedicht ist vom Geiste des Ultramontanismus eingegeben, welcher die Konvertiten damals beherrschte, es ist das Werk eines den Hohenzollern und dem Protestantismus feindseligen Märkers". Damit war wieder ein Abschnitt in der Forschung erreicht; vorher hatte noch M. W. Hessterft über die Handschriften gehandelt, in denen das Vuticlnium überliefert ist, und hatte wie später 5abell und andere den Versuch gemacht, aus rein sprachlichen Indizien Anhaltspunkte für die Zeit der Abfassung zu gewinnen?) Freilich kamen auch noch Schwankungen und Rückfälle vor; noch 1860/61 behandelte Jordan Bücher (von Kollberg) „Die Weissagungen Hermanns von Lehnin usw." in ausgesprochen katholisch-österreichischer, preußenfeindlicher Anschauung und Auffassung, und 1876 erschien gar in der weitverbreiteten Zeitschrift „Uber Land und Meer"ft ein längerer Artikel, der alle Lügen über Zweck, Zeit und Verfasser des Gedichtes wieder vorbrachte, aufwärmte und vermehrte. (Ohne sich für eine bestimmte Entstehungszeit zu entscheiden, erklärte I. B. Iettmarft die Weissagung als das „Erzeugnis eines im kontemplaiven
Leben von der Welt abgeschiedenen Geistes". Sabell, der 1879 den Text mit Varianten
verschiedenen Übersetzungen, mit Travestien und anderen Weissagungen herausgegeben hatte/) zog die parallele mit den Isidorischen Dekretalien, die ja auch eine kirchliche
') vgl. über ihn die Dissertation von 6 . Aleene, 1912: w. Neinholds Bernsteinhexe und ihre dramatischen Bearbeitungen, welche zugleich eine abschließende Lharakteristik dieses als Lharakter reichlich merkwürdigen Mannes gibt.
9 A. tsilgenfeld, Die Lehninische Weissagung, 1875 .
9 M. W. Kessler, Die Geschichte des Klosters Lehnin, 1851 ; iäein im Ksrupeuw, 15 . Juli 1853 .
9 Das wichtigste dieser immer wieder betonten sprachlichen Indizien ist das Vorkommen des Namens Jehova, von dem — in diesem Zusammenhänge nach dem Vorgehen Guhrauers — stets behauptet ward, daß sich diese Namenssorm in schriftlicher Fixierung im Abendlande
nicht vor dem 1. viertel des 16. Jahrhunderts fände, daß also deswegen der Text der
Weissagung nicht um das Jahr 1500 entstanden sein konnte. Aber gerade dieses Argument für die Lntstehungszeit des vaticiniums ist hinfällig, denn entgegen der Meinung von Fr. Paul Scholz, vissortutio 6 e orixins Hominis N 1 N', 1857, daß der Name Jehova philologisch, patristisch und kirchlich nicht vor 1525 im Gebrauch gewesen sei, hat George T. Moore die Namensform Jehova bis zum Jahre 1278 zurückverfolgt; vgl. darüber Moores beide Aufsätze in ^morieain ckourinü ok Hieolog.v 1 I 08 , Bd. 12 , S. 3-1/152 und in ^mericain .lournnl ok Lswitio VanKUUAes unä lütsrntnrs 1909, S. 312 8 .
9 Über Land und Meer, 1876 , Nr. zs/ 8 .
9 I- B. Iettmar, Lehnin und seine Fürstengräber, 1885 , S. IZ7H7.
9 vgl. Anm. 9