Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1916) Die Kultur / von Robert Mielke ...
Entstehung
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Amt als Rektor des Tällnischen Gymnasiums anzutreten, das er freilich nicht lange inne hatte ... es war in den Niärztagen, als der Roßkamm Hans Kohlhase aufs Rad geflochten wurde, was eine geradezu symbolische Bedeutung hat: es war wie der An­bruch einer neuen Zeit, in der für Selbsthilfe kein Raum mehr war, wo Recht an Stelle der Gewalt trat, wo man in Brandenburg zwar die Hesseln des Katholizismus abwarf, zugleich aber sich dem römisch-kanonischen Rechte verschrieb.

Knaust war Schüler der Hamburger Gelehrtenschule des Iohanneums gewesen und hatte in Wittenberg den Anschluß an Luther und Nkelanchthon gefunden, ohne daß ein engerer Verkehr bezeugt wäre. Gr begann s538 mit einemrhetorischen Schulstück der allereinsachsten Horm", mit einer Oomosülu latäun äs sueritieio iu quo

vvlsbat: kilium imiuotaro, der er im Jahre darauf die ungeschickte Behandlung eines dankbaren Vorwurfes folgen ließ: Die Tragedia von Verordnung der Stende oder Regi­ment, die er mit dem Brudermorde Kains zusammenbrachte und daraus abgeleitet wissen wollte. Der Sprung Knausts vom Wittenberger Studenten zum Leiter einer pädagogisch wichtigen Anstalt Berlins ist nur aus zeitlichen Notwendigkeiten zu erklären ; es war ein Lieblingsgedanke Luthers, junge Theologen im Schuldienste reifen zu lassen, und da die Anforderungen an die Vorbildung der Lehrer sehr verschieden waren, so genügte nur allzu oft ein empfehlendes Wort der Reformatoren. Hür Knausts menschliches und amt­liches Leben in Berlin fehlen uns die Anhaltspunkte; die lehrhafte Anlage seines Wesens hat sich in dieser Stellung vielleicht ganz wohl befunden.

In diesem Zusammenhänge aber ist seine Persönlichkeit wichtig, weil er für Berlin und in Berlin das erste Theaterstück geschrieben hat, das wir besitzen und dessen Auf­führung auch bezeugt ist. Am 6. Januar s5Hs ward zu Tölln wo und ob von Schülern oder Bürgern, bleibt unklar aufgeführt: Seer schön vnd nützlich Spiel von der lieblichen Geburt vnsers Herren Jesu Thristi, in welchem jeder Hinweis auf Vor­gänge und Zustände aus des Verfassers Gegenwart ebenso vermieden sind wie eine aus­schließlich protestantische Tendenz, es finden sich keine Ausfälle auf katholische Lehren und keine Anpreisungen evangelischer Glaubenssätze; diese völlig paritätische Haltung kann durch die Berliner hofluft erklärt werden, auf die vielleicht Knaust irgendwelche Rück­sichten zu nehmen hatte. Das Stück ist ein Dreikönigsspiel, doch sind dies mehr mit reich­lich langen Reden bedachte Nebenfiguren als die eigentlichen Helden der Handlung; nach der dramatischen Technik der Zeit bringt Knaust die ganze Handlung auf die Bühne, so daß jede Konzentration des Stoffes, die aus inneren und äußeren Gründen von Vorteil sein könnte, wegfällt. Die beiden ersten Akte werden mit der Vorgeschichte angefüllt; herodes erscheint auf der Szene, doch ist das Spiel mit dem Kindesmorde nicht zu Ende, sondern der Erzengel Gabriel berührt den König mit dem Schwert, dieser nimmt sich das Leben, und die Teufel schleppen triumphierend den Toten in die Hölle. Knausts haupt­quelle war natürlich die Bibel; wichtig ist, daß er der erste war, welcher in Deutschland den ja nur durch die Legende überlieferten Selbstmord des herodes auf die Bühne brachte. Sein Stück ist im allgemeinen das erste für eine moderne Bühne geschriebene Weihnachts­spiel/) dessen Szenen sinnvoll nach technischen Erwägungen angeordnet sind. Eine neue

')Die Form ist in der Geschichte der Gattung das Ausschlaggebende" (H.tNichel a.a.V.).

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