Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1916) Die Kultur / von Robert Mielke ...
Entstehung
Seite
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Steigerung der Szene, da das Mädchen schon das glühende Geständnis Acolasts und nicht erst sein zu deutliches heiratsversprechen ex me «i eoueeperis mit sittlicher Entrüstung heftig abweist. Da wird geschmaust und gezecht, ein Harfner singt die Gde von der Buhlschaft der Venus und des Mars; aus dem Kartenspiel entsteht handgreiflicher Streit... die Störenfriede werden hinausgeworfen . . . Acolastus erreicht bei Deleasthisa seinen Zweck. Die bald zurückgekehrten Eltern verlangen von Acolastus die Heirat ihrer Tochter, der sie übrigens eine reiche Mitgift versprechen; während dieser an seinen Vater schreibt, sind wir Zeuge, wie der wüsteste der drei Freunde, Acrates, von seinem Gläu­biger Danista gemahnt wird. Der Vater des Acolastus, Eubulus, ist über den Fehltritt seines Sohnes entsetzt ... ihr Zusammentreffen sowie die Unterredung mit dem Vater des Mädchens ist zunächst sehr leidenschaftlich bewegt; als sich aber herausstellt, daß Deleasthisa sonst ein anstelliges, freundliches und bisher anständiges Geschöpf ist, hat niemand gegen die Ehe etwas einzuwenden, und da auch der Schlemmer Acrates von zu Hause Geld bekommt, herrscht allgemeine Freude ... in stattlichen asklepiadischen Versen faßt der Schlußchor die Moral zusammen:

Wie das segelbeschwingte Meer,

wenn es schlummert, das Bild spiegelnd zurück euch gibt,

da in finsterer Aerker Haft

König Aeolus Nacht zähmte der Winde Wut:

so als glänzender Spiegel zeigt

euch des Lebens Gestalt diese Komödie, rügt

schlechte Sitten und lehret euch

gute, mahnet mit Ernst: wendet zum Bessern euchlh

Die Schwächen des Dramas sind nur allzu deutlich. Die nur wenig differenzierte Fülle der Typen, welche Stummel in den drei Vätern und drei Söhnen aufgestellt hat, war für seine Technik, trotz weniger nicht ungeschickter Züge, nicht zu bewältigen: solchen Variationshäufungen und -Möglichkeiten ist höchstens die Situationstechnik und Situationskomik eines Kotzebue oder Blumenthal gewachsen. Auch läßt die Einheit­lichkeit oder Konsequenz in der Charakteristik und Handlung zu wünschen übrig; manche Rollen werden vorzeitig völlig fallen gelassen, es finden sich entbehrliche Szenen und Abschwächungen der Motive; das mit Germanismen durchsetzte Latein wird mit breitem rhetorischen Pinsel und mit sorgfältiger Beachtung der Metrik vorgetragen und obendrein noch mit gelehrten Glossen, Zitaten, Anspielungen,exsmpla" überhäuft, ohne auch nur den leisesten Versuch zu machen, hier den Schein einer individuellen Charakteristik zu er­wecken :Was braucht ein Philister von Lucretia, Orpheus und dem Stier des phalaris, seine Tochter von Medea zu reden, "h

1) Nach der Übersetzung von F. Hermann Meyer, die dem 1.857 erschienenen Buche Studentica, Leben und Sitten deutscher Studenten früherer Jahrhunderte, als Anhang beigegeben ist.

2) G. voß findet a. a. G. in Stummels aus dem Jahre stammenden Variationen über das Thema von der Wertlosigkeit eigennütziger Freundschaft (nach Gvid, Trist. D., Vers Zs/6) eineungewöhnliche versgewandtheit", ebenso in den Studenteseine Lebhaftigkeit und Frische der Darstellung in einer Zeit, in welcher die dramatische Technik sich eben erst aus rohen An-, sängen emporzuarbeiten anfing". Linen Zusammenhang des Schaffens Stummels mit demjenigen