Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1916) Die Kultur / von Robert Mielke ...
Entstehung
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Vorlage eine Parodie didaktischen Inhaltes in bewußter Anlehnung an Reineke Vos; solche Verbindung von Didaktik und Dichtung errang dem Werke den Beifall seiner Zeit, wobei das Übermaß sachlicher wie stilistischer Einschachtelungen nicht hinderlich war. Der Froschmeusler bietet den Reiz, Lehren und Gemeinplätze in einem, wenn auch noch so losen Zusammenhangs zu finden und zu lesen. Seine rein literaturgeschichtliche Stel­lung ist die,daß er an die Satire und Spruchpoesie des s6. Jahrhunderts anknüpfend und sie zusammenfassend von ihr und der poetischen Kleinarbeit in einem großen, in Sprache und Auffassung volkstümlichen Werke hinüberlenkt zu der kunstgemäßeren Dichtung des l7. Jahrhunderts". Allerdings hat Rollenhagen dabei die eigentliche schöpferische Kraft gefehlt;der Geist, der seine Dichtungen beseelte, ist der des Bürger- tumes der norddeutschen Städte; maßgebend für ihn war der Glaubensstandpunkt. Im übrigen war der Sinn auch der Dichtungen für ihn auf das Nützliche und praktisch Zweckmäßige gerichtet."

Rollenhagens Zeitgenosse war Bartholomäus Ringwaldt sl 532 99 )?) dessen

Werken der Ton des s6. Jahrhunderts vorzugsweise und deutlich vertreten ist. Er hat eine feine, lebendige Beobachtungsgabe, schildert in einfachen Zügen und verbindet mit einer gewissen Trockenheit, die eine Folge des nur Lehrhaften ist, eine strenge Biederkeit der Anschauungen, welche jedoch nicht alle Milde ausschließt. Seine Erfindungen als Ganzes sind dürftig, im einzelnen wohl bunt und belebt genug, die Verse für diese Zeit leicht und fließend, die Sprache anschaulich und kräftig. In seinen geistlichen Liedern, die hier gleich erwähnt sein mögen, lebt allerdings nicht mehr die formende, fortreißende Kraft des Reformationszeitalters, auch sind sie im Formellen noch nicht so abgeklärt und im Inhaltlichen noch nicht so milde wie die Paul Gerhardts, aber sie verleugnen weder im Aufbau der strophischen Elemente noch in der Darstellung der Gedanken die Ursprünge und Bestandteile des Volksgesanges. Freilich:auf das eigentlich poetische hat der reimende Pfarrer wenig Wert gelegt; ihm kam es nur auf die sittliche Wirkung an . . . als einen Teil seines Predigeramtes betrachtete er seinen Dichterberuf"zunutz der Thristenschar". Eine dualistische Anschauung der Welt als des Streitobjektes zwischen Gott und Teufel, die Ausmalung des jenseitigen Lebens und der Glaube an die Realität solcher Phantasien, den leidenschaftlichen Drang, die bestehenden Zustände zu bessern und die dumpfe Erwartung eines baldigen Endes: das alles findet man in Ringwaldts Werken, besonders in der (schriftlichen Warnung des Trewen Eckarts. Es ist hier eine Anlehnung an ein altüberliefertes dichterisches Motiv zu beobachten, nämlich daß ein Mensch auf wunderbare Weise das Jenseits zu sehen bekommt und davon unter Er­mahnung erzählt. Nur ist Ringwaldt alles andere, als ein Dichter in höherem Sinne, er haftet mit seiner Kunst fest am Boden; wo er Szenen des täglichen Lebens malt, gibt er sein künstlerisch Bestes. Sein Dichterberuf war ihm ein Teil seines Predigeramtes, und sein ganzes Schaffen fließt aus einer einzigen Quelle, sein Leben steht ausschließlich unter der Herrschaft eines einzigen Gedankens: das bevorstehende Ende der Welt und das drohende Jüngste Gericht drängen ihn zur literarischen Betätigung. Deswegen ist die

9 vgl. die ausführliche Studie von L. Arafft, Das ,8xseutuin munäi" des B. R-, sprachlich, textkritisch, literarhistorisch und stilistisch untersucht. Breslau, lAxs; hierin auch die weiteren Literaturnachweise.