Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1916) Die Kultur / von Robert Mielke ...
Entstehung
Seite
267
Einzelbild herunterladen

267

Im vierten Akte ist dann ein anderes Geschlecht am Merke; es gilt eine nächste Un­heiletappe im Treiben der Teufel zu zeigen, der Fürst der Hölle will einen letzten Versuch machen, das Verlorene wiederzugewinnen: in teuflischer Nachäffung des Auftrages an die Apostel erhalten die Gesellen der Hölle den Befehl, in alle Welt zu gehen und List, Betrug, Schande und Sünde zu lehren, damit die Menschen von Gott abfallen und ihre Hoffnungen auf den Teufel setzen. In den Szenen, die auf der Erde spielen, erscheint Luther nicht selbst als ckrumutis personn: nur die Wirkung seines Auftretens wird ge­zeigt. Zwei Stiftsherren unterhalten sich über sein Auftreten, und ein einzelner sym­bolischer Fall charakterisiert sehr anschaulich den Sieg der evangelischen Sache: der Pro­testant Thristophorus wird von katholischen Geistlichen und Teufeln mit Pfründen ge­ködert und mit Höllenstrafen bedroht, wenn er nicht in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückkehrt; sie setzen ihm hart zu, doch er bleibt fest und wendet sich im Gebet an Thristus . . . vor Gottes Thron wird sein angebliches Sündenregister zerrissen, und die Engel setzen dem Verklagten die Krone des ewigen Lebens auf. Der fünfte Akt zeigt den Himmel in seinem Glanze... zum Jüngsten Gerichte sind alle Personen des Spieles vor dem Throne des Richters versammelt ... im Reiche der Hölle herrscht Angst und Unruhe. Die Ungerechten und Verfälscher der evangelischen Wahrheit verfallen ihr, ob­gleich sie sich auf ihre Werkheiligkeit berufen; die Erwählten gehen in das Reich der Seligkeit ein . . . die evangelische Sache und Lehre hat gesiegt.

So ist dieses fünfaktige Stück voll szenischer, inhaltlicher Abwechslung und dra­matischer Konflikte; auch hier zeigt sich wieder Krügers Fähigkeit, durch Gegensätze, die er ersinnt und gestaltet, Handlung zu schaffen; das schon erwähnte Kunstmittel der stufenmäßigen Spannung" wird auch hier mit bewußtem Erfolge angewendet. Neben netten Zügen geschickter Detailmalerei tritt gelegentlich ein Dialog mit scharfer dra­matischer Zuspitzung; die beliebten und dankbaren Teufelsfiguren greifen oft ein und vertreten mit Glück das Element burlesker Komik, um am Ende doch die Vorstellung zu erwecken, daß sie gläubigen Thristen nichts anhaben können. Daß die Darstellung der Passion fehlt, geht wohl darauf zurück, daß Luther widerraten hatte, sie auf die Bühne zu bringen, und die auch nach Wilhelm Scherers Beobachtung in der Mark wie anderwärts verschwunden war. Der hauptwert aber liegt bei diesem geistlichen Drama, dessen protestantische Tendenz und Technik, wie oben gezeigt, in Krügers weltlichem Spiele wiederkehrt, in der wahrhaft kühnen und großen Konzeption des Ganzen; der Dichter suchte jene Frage in eine dramatische Gestalt zu kleiden, die seine Zeit und damit auch ihn am tiefsten bewegte ; er will den religiösen Standpunkt, den er für den wahren hielt, dichterisch verklären, dazu suchte er ihn menschlich und dichterisch anschaulich und glaub­lich zu machen. Deswegen greift er zum End' und Anfang aller Dinge, eröffnet er die weitesten Perspektiven nach vorwärts und rückwärts, geht er zurück bis zu dem Augen­blick, da nach der biblisch-kirchlichen Tradition der tragische, die Welt erfüllende Zwie­spalt begann, deswegen führt er die Handlung bis dahin, wo dieser Zwiespalt durch den Untergang dieser Welt gelöst und beendet ist. So griff er vielleicht unbewußt auf die religiösen Wurzeln und Anfänge aller dramatischen Kunst zurück, und es bleibt an­gesichts dieser bedeutenden Leistung erst recht bedauernswert, daß wir die Person ihres Schöpfers, des Stadtschreibers und Organisten von Trebbin in der Mark, nicht mit Blut