Trieb. Seine sonstigen poetischen Arbeiten sind nur ein Spiegelbild der Zeit und ihres Bildungsstandes; da steht vieles weit unter den Kirchenliedern und zeugt in manchen Einzelheiten von einem Anschluß an die Bestrebungen der Fruchtbringenden Gesellschaft; hierher gehört z. B. ein deutsches Trauerspiel „Der verfolgte David" sowie eine Bearbeitung der „Aeneide", deren Einstellung in das große Kapitel von der Fortwirkung des Vergil, als „Erbe der Alten", hier zu weit führen würde. Schirmer stellt den Übergang vom reformatorischen Kirchenlieds zur subjektiven Dichtungsweise Paul Gerhardts*) dar, dessen Berliner geistliche Tätigkeit bekannt genug, als daß sie hier noch einmal mit ihren mannigfachen persönlichen Nöten und Schicksalen wie amtlichen Schwierigkeiten geschildert werden müßte. Er bildet die edle Blüte märkischer Hymnologie, auch wenn sein Aufenthalt in Brandenburg, bezüglich Berlin, nur eine Episode seines Lebens darstellt; aus mehr wie einem Gesichtspunkte aber ist er hier einiger Worte der Tharakterisierung wert und würdig.
Paul Gerhardt dichtete zu einer Zeit, wo die rein technische, formale Seite der Poesie die größte Beachtung erforderte, wo die pflege der Form das Interesse am geistigen Gehalt vielfach überwog. Seine Dichtung ist zwar abstrakte Gedankenlyrik; drei Elemente geben ihr Farbe und Nuance: Den abstrakten Gedanken tritt oft ein gesunder Realismus entgegen, der sich namentlich in lebendigen Bildern äußert; das Ruhig-Lyrische wird durch kraftvoll-dramatische Diktion unterbrochen und gesteigert, oder es wird endlich mit didaktischen, reflektierenden Momenten in Abwechslung gebracht. Gerhardt empfing wohl in seiner Jugend eine strenge poetische Schulung im Sinne der zeitgenössischen Bestrebungen. Seine große Begabung machte es ihm leicht möglich, sich in diesen formalen Dingen und Fragen schnell zurechtzufinden und die neue Technik zu beherrschen, dabei aber nur das sich dienstbar zu machen, was er auf Grund seines gesunden Sinnes und der Tradition des Kirchenliedes für das beste hielt; er zeigte daher eher eine gewisse Zurückhaltung vor dem Neuen. Wie er seine Versmaße fast ausschließlich aus dem 16 . Jahrhundert wählte, sie aber nach den neuen Grundsätzen regelte, so war ihm auch sonst das Volkstümliche heilig; wie er denn auch in der schlichten, edlen Sprache des Volkes, der Bibel, der frommen Gemeinde sang und die kunstvollen Stilmittel nur spärlich und nur zur Hebung des Gesamttones zur Anwendung brachte. Das Interesse am Geistlichen, Volksmäßigen, Natürlich-Lebensvollen war ihm weit größer als der Hang zum Weltlichen, Gelehrten, Unnatürlich-Gekünstelten. Das Hauptgewicht legte er auf den Inhalt; so wurde er von einer nur äußerlichen Liebe zur Form bewahrt und zu wirklicher, auf inneren Voraussetzungen beruhender Formvollendung geführt. Paul Gerhardt ist als Künstler kein Neuerer, kein Dränger; er schließt das Geistlich- Volkstümliche mit dem Gelehrt-Künstlerischen meist zu vollkommener Einheit zusammen. Diese Ruhe und Einheitlichkeit seines Wesens und Schaffens bedingt seine Größe. Trotzdem aber ist ihm eine erstaunliche Vielseitigkeit des Ausdruckes eigen; eine ungekünstelte, kräftig wirkende Natürlichkeit. Er findet den schlichtesten Ausdruck für sein stark persönliches Leben, so daß der Stil und Zwang des Predigttones sowie die Künsteleien der Zeitgenossen nur selten bei ihm nachwirken. Im letzten Grunde machte bei ihm die
') Aus der ungeheuren Literatur über p. G. zitiere ich hier nur: Lug. Allen, Duellen , und Stil der Lieder j). G.s; Bern, l9;2.