— 272
„Die große Stadt schleift gerne Kristalle zu runden Kieselsteinen ab" ... in diesem volkstümlich geprägten Worte ist ein jahrhundertelanger Prozeß auf eine Formel gebracht, die das geistige Werden Berlins, seinen Einfluß und seine Wirkung darstellt, h Berlin mit seiner von jenseits der Elbe, Weser und des Rheins eingewanderten Bevölkerung, in der das Niedersächsische vorherrschte, war lange Zeit eine rein märkische Stadt, die sich mit Ausnahme des Hofes von den kleinen und mittleren Städten im prignitz-, Ruppin- und Havellands nur wenig unterschied; es war in der zweiten Hälfte des s?. Jahrhunderts noch durchaus „unberlinisch". Das Berlinische aber wurde doch schließlich zum großen und jedenfalls zum besten Teile aus dem spezifisch Märkischen heraus geboren, freilich sehr langsam und allmählich und auf einem weiten Umwege voll mancherlei Beschwerden und Hindernissen. Das nach Fontanes Wort und Meinung im deutschen Wesen tief begründete Till Eulenspiegeltum ist eine hauptwurzel des „Berlinischen" ; auf ihm basierte des ersten Friedrich Wilhelm von Preußen bekanntes Tabakskollegium, eine „Schule der Schlagfertigkeit und Geistesgegenwart", eine erste Grundlage des spezifischen Berlinertums. Der Ton von Rheinsberg und Sanssouci war die literarisch verfeinerte Fortsetzung der Art und Weise dieses Kollegii und mit dieser auf die Pointe gestellten Sprache der Tafelrunde des Großen Friedrich war man dem Berlinischen wieder um ein gut Stück näher gekommen. Noch war das aber nur die Sprache bestimmter Gesellschaftsschichten; schließlich waren es die zu Spießbürgern umgemodelten frideri- zianischen Grenadiere, die den berlinischen Räsonniercharakter und den berlinischen Ausdruck für dieses Räsonnement schufen. Au gleicher Zeit fand das gebildete bürgerliche Berlin einen und seinen Ausdruck in Lessings Nathan; dieses Lehrgedicht von der Toleranz war ein die Richtung des berlinischen Geistes — wenn auch zunächst nur in der Mittelschicht der Bevölkemng — besümmendes Buch; der berlinisch-jüdische Geist war da, für den z. B. die französische Revolution nur ein Schauspiel war und aus den Schiller nur einen geringen formenden Einfluß hatte. Die Freiheitskriege haben in der Hauptstadt die verschiedenen Klassen auch in dieser Hinsicht verschmolzen; der bürgerliche Tharakter Friedrich Wilhelms III. wies hier die Möglichkeit und die Richtung; das Jahrzehnt von 1830—1840 bildet den Höhepunkt der Familiarität, bezeichnet die Herrschaftszeit des Witzes, schuf die typische Figur des Eckenstehers Nante und die Grundlage der Posse; so entstand das Berlinertum, in welchem sich „Übermut und Selbstironie, Tharakter und Schwankendheit, Spottsucht und Gutmütigkeit, Kritik und Sentimentalität die Hand reichen". Ursprünglich also war Berlin eine märkische Stadt unter dem Einfluß des märkischen Lebens; jetzt ist es seit dem zweiten Drittel des sst. Jahrhunderts eine losgelöste, völlig selbständige Macht, die die Mark erobern und die Märker zu Berlinern machen will.
Unter den Gütern, welche des Reiches Einigung bringen sollten, hat Heinrich
H Zu vgl. Th. Fontane, Die Märker und das Berlinertum, in: Aus dem Nachlaß, 1908, S. 295-/312; Hans Meyer, Das deutsche Volkstum, 1903, S. 108/9. — weiter kommen für das Folgende in Betracht: Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung, 3. Ausl., 1875 , Bd. -1, S. 2 SY s.: Der Anteil Preußens an der deutschen Literatur; Jul. Schmidt, Bilder aus dem geistigen Leben unserer Zeit, 1870 , Bd. 1, S. sq. s.: Der Einfluß'des preußischen Staates auf die deutsche Literatur.