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o. Treitschke die Gewinnung einer Hauptstadt mit obenan gestellt. Gewiß hat sich vorher und nachher der Segen einer vielfältigen Verteilung geistiger Mittelpunkte über Deutschland auf mannigfachen Gebieten kulturellen Schaffens erwiesen, trotzdem aber hat die politische Hauptstadt alle anderen einstigen Vororte der Einzelstaaten hierin zum mindesten . in den Hintergrund zu drängen versucht. Um ihre geistige Geltung hat diese Stadt der fließenden Bevölkerung mit kolonialem Tharakter immer wieder kämpfen müssen; aber der Gang der deutschen und auch der berlinischen Ereignisse hat Berlin zu dem gemacht, was es in den letzten 45 Jahren war und ist; vielfach waren die Versuche, seinen Einfluß brechen zu wollen, vergeblich; es war und ist das geistige Zentrum, von dem aus Deutschland am ehesten zu beherrschen ist, denn daß es in Deutschland einen Mittelpunkt der Macht auch in diesem Sinne gibt, ist durchaus und an und für sich erfreulich: *schon Hebbel hat die Abwesenheit des Zentrums bedauert und damals Frankreich und Dänemark darum beneidet. And es bleibt das Geheimnis Berlins, daß es ohne scheinbare Aberlieferung doch auch in dem Sinne Deutschland immer wieder erobert, als es geistige Kräfte anzieht: die Linie führt hier von Lessing zu Harnack, von Keith zu Moltke, von Ehodowiezki zu Menzel, von Rauch zu Messel, von Iffland zu Bassermann. Daneben freilich ist Berlin nicht die Stadt der großen Dichter. Weil insbesondere in den Tagen der Vereinigungen und Klubs, wie z. B. der Lhristlich-Deutschen Tischgesellschaft, des Tunnels über der Spree und in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das literarische Leben eben hier zusammenströmte, so will es wohl manchem heute noch so dünken und scheinen; von den führenden Poeten unserer Gegenwart lebt keiner in Berlin. Es ist für diese Stadt, in der die französische und jüdische Mischung so stark ist, bezeichnend, daß die meisten der eigentlichen „berlinischen" Dichter solcher Ab- und Herkunft sind; ich nenne hier vergreisend nur Thamisso, Alexis, Fontane, Spielhagen, Rodenberg, Rahel, Hertz, Dorothea Schlegel... sie haben auf das Berliner geistige Leben stark und Richtung gebend gewirkt, und diese Einflüsse sind heute als allgemeiner Einschlag noch ungebrochen.
Allmählich also tritt die Volkstümlichkeit Berlins auffällig aus der Eigenart des umwohnenden märkischen Volksstammes hervor. Es scheint gar nicht bodenständig zu sein und ist doch trotz des ständigen Hin- und Herwogens der Bewohner durchaus an eben diesen Ort an der Spree gebunden. 1640 hat es gegen 6000 Einwohner gezählt und war ein stilles, märkisches Örtchen, dessen Bewohner allen Fremden derb, plump und schwerfälligen Geistes erschienen. Die gastliche Aufnahme der französischen Reformierten vollzog hier den ersten Amschwung; nach der Verwüstung der Pfalz t68h kamen viele Pfälzer, dann auch Schweizer, angezogen durch den Ruf der Gastlichkeit Berlins. So wird diese Stadt innerhalb weniger Jahrzehnte aus einer märkischen Ackerbürgerstadt ein Industriezentrum, eine Stadt von regsamem Geiste und feinen Amgangsformen, wo sich französischer Esprit mit der Biederkeit des deutschen Bürgers vereinigt. Die Siege Friedrichs II. bedingen den Aufschwung zur Großstadt; so wird Berlin ein Anziehungspunkt für immer weitere Kreise von Zuwanderern, die daselbst ihren Fleiß, ihre Talente, ihr Kapital besser als anderswo verzinst bekommen. Die natürliche Grundlage des Wachsens und Werdens aber bildet die Tatsache, daß an der Spree der berufene Verkehrs- und Wirtschaftsmittelpunkt für das nordostdeutsche Niederungsland liegt. Der Zuzug aus allen Teilen des Reiches stellt sich ein; so vollzieht sich nach den Gesetzen und der
Brandenburgische Landeskunde. Bd. IV. 18