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seine Eindrücke in Worte zu kleiden und in Verse zu bringen. „Platte Natürlichkeitssucht und geistlose Spielerei" kehren bei ihm immer wieder; hier stehe ein Beispiel für viele, eine Beschreibung des Lustgartens in Berlin, die an den Kurprinzen gerichtet ist und in welcher sich folgende Stelle findet:
Den (Faxten, den Dein Vater hat So wunderschön gebaut,
Desgleichen Babylon die Stadt Raum jemals hat angeschaut.
Du wirst Dich wundern um den Mann,
Nit einem Gabel-Stiel,
Der Wasser von sich sxrützen kann,
Sobald der Gärtner will.
Du siehst den wunderschönen Klee
Dem Lenz entgegengehn
Und Männerchen, weiß als den Schnee,
In guter Vrdnung stehn.
Gegen derartigen Schwulst und solche Unnatur wandten sich, von französischen Vorbildern beeinflußt, drei lhofdichter, gebildete Männer und hochstehende Beamte, die längere Zeit in Berlin lebten: F. R. L. v. Canitz fs654—hh), Ioh. v. Besser fs654 bis s72ß), Benjamin Neukirch (s665—l 72h), von denen jeder aber doch sein eigenes Gepräge hat.
Durch Canitz und auch durch Gottsched kam in die verfallende Renaissance des s7. Jahrhunderts eine französierende Richtung zur Geltung. Gpitz war durch die Zweite Schlesische Schule verdrängt worden, bis dann in Deutschland der Kamps gegen den von ihr ausgehenden Schwulst, gegen ihre Roheit und sinnliche Verkommenheit ausgenommen wurde: als erster hat hier Canitzh eine Rückkehr zu den Grundsätzen der Ersten Schlesischen Schule angestrebt. Seine besten Arbeiten sind seine Satiren, welchen den gleichartigen Gedichten Boileaus ihr Dasein zu verdanken haben. Die Berührungen liegen hier neben rein formalen Dingen auch im Stofflichen, wie z. B. schon folgende Überschriften zeigen: Vom Tode des ungerechten Geizhalses. Von der Freiheit, seinen Neigungen ungehindert folgen zu können. In seiner dritten Satire erhebt Canitz, wenn zunächst auch noch beträchtlich schüchtern, seine Stimme gegen Lohenstein und ksofmannswaldau; außerdem aber läßt sich hier am deutlichsten erkennen, daß Canitz nur ein nachahmendes Talent war; denn das ganze Gedicht ist weiter nichts als ein Mosaik aus Boileaus Poetik und dessen Satiren. Der Umfang und Inhalt von Canitz' geistigem und künstlerischem Gesichtskreis wird durch eine knappe Angabe der in den Satiren behandelten Gegenstände deutlich: die vierte Satire kontrastiert das kjof-, Stadt- und Landleben, die fünfte schildert die Großmut im Glück und Unglück, die sechste wie siebente sind Sendschreiben in Form von Episteln, die achte erörtert die Nichtigkeit des Glanzes der großen Welt, die neunte bestätigt die Erfahrung, daß die Welt ihr Tadeln nicht läßt, die zehnte und elfte sind l'lber-
tz Vgl. über L. die Seidelberger Dissertation von F. Lutz: Fr. R. L. v. Lanitz, sein Verhältnis zu dem französischen Klassizismus und zu den lateinischen Satirikern; 1887 ; außerdem noch Th. hell, Penelope, Taschenbuch für 1822 : Uber die Einwirkung des weiblichen Geschlechtes aus die Dichtkunst, wo auf Seite XV bis XXVI von Lanitz' erster Frau eingehend berichtet wird.
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