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tragungen aus Boileau und Horaz, denen sich in der letzten Satire eine Untersuchung über die Beständigkeit des Hofglückes nach Iuvenal anschließt. In seinen Trauergedichten steht die berühmte Vde auf den Tod seiner ersten Gemahlin Doris (Dorothea Emerentia v. Arnimb, f656 —95 ; s69? heiratete Lanitz Dorothea v. Schwerin), die Spuren echten Schmerzes und warmer Empfindung aufweist; in seinen Vermischten Gedichten fehlt dem Verfasser die „französische Krücke" und die Geistlichen Gedichte zeigen leise Anklänge an Logau; der Grundton seiner religiösen Poesie ist der, daß Gott ihn die Eitelkeit der Welt verachten lehre, was in zahlreichen Bearbeitungen von Psalmen immer wieder ausgeführt wird.
Tanitz war ein vornehmer Hofmann, dem seine Muse die angenehme Gesellschafterin freier Stunden war; die meisten seiner Gedichte sind kalt und ohne inneren oder äußeren Schwung; sein Vorbild Boileau ist ihm in der kräftigen Zeichnung der Eharaktere und des individuellen Lebens weit überlegen. Doch war Tanitz' Bemühen nach Einfachheit und Klarheit, das wohltuend in seinen Gedichten immer wieder zum Ausdruck kommt, von Einfluß auf die deutschen Dichter seiner Zeit. Nicolais Allgemeine Deutsche Bibliothek urteilte über ihn: Mit Tanitz ist in diesem Jahrhundert die Morgenröte des guten Geschmackes aufgegangen; für uns entbehren seine Schöpfungen der Phantasie ebenso wie der Empfindung; er ist im sprachlichen Ausdruck wie im gedanklichen Inhalte gleich unselbständig. Die doktrinäre Trockenheit seines französischen Vorbildes machte seine Satiren mehr belehrend als beleidigend; er spottet der Laster, nicht der Menschen. An Reinheit und Richtigkeit des Ausdruckes übertraf er alle Vorgänger und Zeitgenossen; sein Versbau war von einer Leichtigkeit und Grazie, die, an seiner Zeit gemessen, alle Bewunderung verdienen. Er versuchte als erster seine kritische Stimme gegen die dichterisch-künstlerische Vorrohung seiner Zeit zu erheben, sein eigenes Schaffen dafür einzusetzen und so wieder das Beispiel eines möglichen besseren Geschmackes in Deutschland zu geben. Tanitz gehört zu den Wegbahnern der nach ihm kommenden Revolutionen auf ästhetischem Gebiete, der an spezifisch berlinisch-preußische Verhältnisse und Zustände seiner Gegenwart anknüpfend so von Bedeutung für unser Schrifttum ward.
Der Advokat Benjamin Neukirch hatte im Stile der schwülstigen Schlesier begonnen und sich erst später zu der Weise Boileaus bekehrt; für „Frauenehr und hohe Tugend" war er begeistert, er goß Fenelons bekannten Tolßmaque in deutsche Verse und pries deutsche Fürsten wie Berlins hohe Beamte in gleicher Art. Das Edikt, daß die Nachtigallen nicht gefangen werden sollten, entlockte ihm ebensogut Verse wie der Tod des Großen Kurfürsten oder die Thronbesteigung des neuen Herrschers, wobei die Vergleiche mit den Helden und Vorgängen des Altertums keine geringe Rolle spielten. Auch I. v. Besser ergriff jede Gelegenheit, um sein Talent geltend und sich bei hohen Herrschaften beliebt zu machen, aber mit etlichen Einschränkungen paßt auf ihn der Vers, den Tanitz bei einer Schilderung damaliger Poeten brauchte:
Und nehm' ich Beffer'n ans, wem ist's wohl mehr vergönnt,
Daß er den wahren Vuell der ksipxokrene kennt?
Wenn auch er manchmal schwülstig und unwahr ist, so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß er am preußischen Hofe und damit an deutschen Fürstenstätten zuerst und überhaupt eine Natürlichkeit anstrebende Dichtung im Gewände der eigenen, vaterländi- ^