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1736 als Stadtsekretär zu Berlin gestorbene Wilhelm Siegfried Ring — er hatte als Frankfurter Student 1688 ein Trauerspiel „Beatrix" aufführen lassen — beteiligte sich in umfassender Weise an den Gedichten auf die Rönigskrönung Friedrichs I.; von dem Berliner Rektor Johann Boediker sagte der Historiker der Mark, Rüster, daß „seine Poesie nach damaliger Zeitbeschaffenheit gut war", und 1689 wurde in Leipzig folgendes Epigramm auf ihn geprägt:
Ouw multi sxilliii 8int Isutvoum in ords poetne, lute posturuva nuvleus esse potss!
Uns freilich erscheint solche Einschätzung Boedikers als „Poeten-Rern" mehr wie übertrieben, wenn wir wissen, daß sein Hauptwerk ein Gedicht war, das alle in der Mark vorkommenden Fische behandelt.
Auch literarisches Vagantentum blühte damals: an Daniel Schönemann (1693 bis 1737) hatte Friedrich Wilhelm I. deswegen Interesse, weil er ein merkwürdiges, ausschließlich formales Talent hatte, über alle möglichen Themen und Gegenstände schneller zu improvisieren, als ein anderer nachzuschreiben imstande war. Schönemann wurde schließlich für etliche Jahre Geistlicher in Berlin. Manches schwülstige Gedicht ist von ihm überliefert, und er verschwindet in demselben Dunkel seiner persönlichen Verhältnisse, aus dem er emportauchte. Eine merkwürdige Erscheinung war auch der erste zünftige Journalist Berlins und der Mark, Thristian Heinrich Gelven/) der als Gehilfe eines politischen Agenten um 168-1 nach Frankreich kam, dann aber etliche Jahre Soldat in brandenburgischen Diensten war. Doch wandte er sich bald der Schriftstellerei zu und führte eine scharfe, bissige Feder; als Mitglied der Sozietät der Wissenschaften war er doch Gelegenheitsdichter und Hans in allen Gassen; ein planloser, begabter Mann, der um ein Almosen bat und dann die Gebenden in den von 1708/09 erschienenen achtzehn Monatsheften seiner Zeitschrift Ruriose Natur-, Staats- und Sittenpräsenten angriff; dieses Blatt ist ein wunderliches Gemisch von allerlei Ideenaustausch und moralischen Begriffen, historischen Bemerkungen, sonstigen Schilderungen und allerlei Gedichten.
In diese Zeit gehört ein eigentümliches Produkt berlinisch-märkischer Dichtung, über dessen Verfasser Erdmann Wirckerh nur ganz belanglose und verschwommene Nachrichten vorhanden sind. Das betreffende Bändchen führt den Titel:
Märkische / Neun / Musen / Welche sich / Unter den Allergroßmächtigsten / Schutz/Sr. Rönigl. Majestät / in Preußen/Als Ihres / Ällergnädigsten Erhalters / Und / Andern Jupiters / Bey glücklichen Anfang / Ihres / Jubel- Jahres / Aufs dem Franckfurtischen Helicon / Frohlockend auffgestellet. / Erste Assembler. / Verlegts Johann Völcker 1706;
') Vgl. über ihn <8. Hiltl: Lin Berliner Literat aus dem 17. bis >8. Jahrhundert in Der Bär, Bd. 2, ;876, S. 185/8S. — Hierher gehört auch die „verbesserungsbedürftige Skizze" von E. Dominik, Die ersten Berliner Bücherdrucke und die Geschichte der Berliner Zeitschriften und Zeitungen bis zu dem Anfang des <8. Jahrhundert: idiclsm Bd. 7,1881, S. 288/gs. — Pniower, V., Die erste Berliner Zeitschrift in deutscher Sprache: Brandenburgia, 8, 1899/1900, S. 88/97.
9 Vgl. über E. lV. den kurzen Aufsatz von H. Schröder, Erinnerungen an ältere Berliner Dichter in winfrids Nordischem Musenalmanach für 1825, S. l»o,'is. Dazu-die Neuausgabe seines Werkes von G. Lllinger in den Berliner Neudrucken.