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Gymnasien im 1,7. Jahrhundert war sehr gering; von künstlerischem Aufbau der Handlung, von psychologischer Vertiefung der Motive, von scharfer Zeichnung der Tharaktere finden sich selten auch nur die nötigsten Ansätze; bei der Wahl und Bearbeitung der Stoffe wurde nur daraus gesehen, daß die moralische Tendenz deutlich zutage trat, und daß die Ausbildung der Schüler in der Beredsamkeit durch solche Übungen gefördert ward. All diesen Dingen ist eine ermüdende Breite eigen, weil möglichst viele Schüler auftreten sollten. Einiges sei hier angeführt, was durch Beziehungen zur damaligen Gegenwart nicht ohne Interesse ist. Der Subrektor Bredow vom Grauen Kloster ließ 1670 ein Stück aufführen, das „wegen einheitlicher Konzeption die übrigen Erzeugnisse der Schulmuse dieser Zeit" überragt: Der Triumph Germanias über die Barbarei; Johann Rists symbolische Dramen, wie „Das friedewünschende Deutschland" und ähnliche sind die deutlich erkennbaren Vorbilder. Die dramatischen Schulübungen des schon genannten Rektors Johann Bödiker vom Töllnischen Gymnasium behandelten zeitgeschichtliche Ereignisse, z. B. den Tod -und das Begräbnis des Großen Kurfürsten, die Huldigung des Herzogtums Preußen; deutlich tritt auch hier eine lehrhafte Absicht zutage, die sogar manche Szenen zu Streitgesprächen über das Für und Wider irgendeines moralischen oder sonstigen Satzes gestaltet. s66s wirbelte der H.6tus tra§1ou8 des Subkonrektors vom Grauen Kloster das ungerechte Urteil des Pilatus viel Staub auf; der Verfasser wurde wegen der Verspottung der reformierten Lehre denunziert, der Kurfürst ordnete eine Untersuchung an, die schon erfolgte Verurteilung wurde dann aber niedergeschlagen. Von größerer Bedeutung ist in diesem Zusammenhänge höchstens das „Schulspiel" des aus dem fränkischen Nürnberg gebürtigen I. L. Frisch fl666—17-13),ft „Von der Unsauberkeit der falschen Dicht- und Reimkunst," das um des Autors willen interessant ist und zu den nachhaltigen Bestrebungen gegen die Unnatur der Zweiten Schlesischen Schule gehört, wenn es auch keine wesentlich neuen und bahnbrechenden Ansichten über die Poesie enthält. Ein mühsames und bewegtes Leben führte Frisch, das vom Landwirt zum Erzieher schwankte; ihm war eine Universalität, Gründlichkeit, Klarheit und Tiefe des Wissens eigen, die ihn in die Nähe von Leibniz stellen, mit dem er sich im Kampfe gegen die Unnatur der schulmäßigen gelehrten poeterei berührte. Auf seine Verdienste um die deutsche Sprache, zu denen das genannte „Schulspiel" mit gehört, hat Rud. v. Raumer bereits in seiner Geschichte der germanistischen Philologie (1.868) hingewiesen; Frischs geistige Vielseitigkeit kann hier nur angedeutet werden; er fand in der „Abwechslung der Arbeit seine Erholung", so daß z. B. auch die Naturwissenschaft seinerzeit wichtige Förderungen ihm verdankte; seine Stellung als Konrektor des Grauen Klosters ließ ihm Zeit zu solcher weitgreifenden Beschäftigung und Tätigkeit. Sein satirisches Spiel hat auf den „verknöcherten Pedantismus, die erzwungene Künstelei und die auffallende Gedankenleere" all dieser Schulübungen hingewiesen; mit dem Beginn des s8. Jahrhunderts verschwanden sie auf den Berliner Schulen von der Bildfläche, Gper und Volksdrama gewann immer mehr die Gunst des Publikums. Schließlich machte für Preußen
0 Über Leonhard Frisch siehe Heidemann, Gesch. d. Grauen Klosters, S. IZdftn; außerdem: L. H. Fischer, L. I. Frischs Schauspiel als Neudruck in den Schriften d. ver. f. d. Gesch. Berlins, t8yo, Heft 2S; ictsw, L. H. Frischs Briefwechsel mit Leibniz, im Archiv der Branden- burgia, Bd. 2 , S. Hso.