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Friedrich Wilhelm I. der alten Sitte dramatischer Schulspiele durch eine Verordnung vom 30. September s7j8 ein Ende: er verbot alle Lotus äramutioi auf den Schulen, „weil sie die Gemüter vereitelten und nur Unkosten verursachten".
Preußens Könige hatten als eine kulturelle Aufgabe vom Großen Kurfürsten überliefert erhalten, kräftige Staats- und Volkszustände zu gründen; sie haben damit zu einer Blüte unserer Literatur vielleicht mehr beigetragen als Augustus und Ludwig XIV. von Frankreich zu ihren Zeiten. Goethes vielzitiertes Wort freilich stellt wohl eine unberechtigte Verallgemeinerung dar: Der erste und wahre Lebensgehalt kam durch Friedrich den Großen und die Taten des Siebenjährigen Krieges in die deutsche Poesie. „Große Namen stärken schwachen Beweisen die Füße um nichts. Mit dem Einmärsche Friedrichs II. in Dresden soll der Deutsche plötzlich gespürt haben, daß er jetzt ein Nationalgefühl habe. Kursachsen und Österreicher waren doch auch Deutsche ... der Rheinfranke, Alemanne und Bayer wußte schon erheblich länger, daß er eigentlich auch ein Deutscher sei, damals, schon als er — in den Tagen der großen Stämmeverschiebungen am Eingänge nationaler Geschichte — über die Elbe und die Donau abwärts ging. Nlit den Eroberungen Friedrichs II. erwachte der preußische Patriotismus/") Gewiß war er der erste große kseld, der für Deutschland nach jahrhundertelangem hoffen und harren wieder erstanden war; der Arbeit der geistigen Führer der Nation wurde durch ihn ein tatsächlicher Lebensinhalt gegeben, der über rein ideelle Dinge weit hinauswuchs. Er war auf dem Felde der Tat eine gewaltige Persönlichkeit von geradezu unerhörter und nie mehr gekannter Wirkung; denn bisher hatte die Grundlage gefehlt, welche stets der nationalen Literatur eines großen Volkes das eigentümliche Gepräge gegeben hat: ein auf nationaler Größe und Bedeutung gegründetes Selbstbewußtsein, welches die unerläßliche Vorbedingung geistigen Schaffens im großen, weithin wirkenden Stile immer zu sein pflegt. Der Kampf, um den es zunächst für Preußens König ging, war von furchtbarer Gewalt und innerer Wahrhaftigkeit; die nationale Wirkung des Gesamtschaffens Friedrichs des Großen war ja zunächst nur mittelbar; aber der Idee des nationalen Bewußtseins die adäquate Form gegeben zu haben, ist das geschichtliche Verdienst der klassischen Literatur, die auch von märkischen Landen aus in gewisser Weise Förderung und Form empfing. Zn Berlin war bald nach dem Regierungsantritte Friedrichs des Großen manches angeregt, manches in der Stille vorbereitet worden, was gerade dieser Stadt einen bedeutenderen Einfluß auf die deutsche Literatur verhieß; noch fehlte die höhere geniale Kraft, die sich betätigen und die wirken mußte, wenn das deutsche Literaturleben von ausländischen Vorurteilen befreit werden sollte?) Zn Preußen aber zeigte sich
0 Vgl. I. Nadler, a. a. D., 5. 293/99.
2) Aus der überreichen Literatur über die hier in Frage kommenden Persönlichkeiten und allgemeinen Verhältnisse führe ich hier nur etliches an, was in irgendeiner Weise klärend und fördernd wirkt, lv. Böhm, Wie stellen sich die Taten Friedrichs II. in der deutschen Literatur seiner Zeit, vornehmlich in der deutschen Dichtung, dar; Zeitschrift f. preußische Gesch. und Landeskunde, ;870, S. HHS/59, srs/sog. — U. Biederma nn, Berlins Einfluß auf die deutsche Literatur unter Friedrich d. Gr.; Zeitschrift f. deutsche Kulturgeschichte Z872, S. s;7 f., SH5 f. — A. Schöne. Fr. d. Gr. und seine Stellung zur deutschen Lit. in G. Sievers, Akademische Blätter, 1884, S. 369/84. — NI. Türk, Fr. d. Großen Dichtungen im Urteile des 18. Jahrhunderts; Wissenschaft!. Beilage zum Jahresbericht der 8. Städtischen Realschule, Berlin, 1897/98.— Aug. NIebes, Fr. d. Gr.