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eine direkte Einwirkung des Königs auf das literarische Leben, weil hier eben die Persönlichkeit Friedrichs II. in den unmittelbaren Gesichtskreis der Zeitgenossen trat. Für die preußische Dichterschule, die auch in diesem Zusammenhangs nicht zu übergehen ist, war der Große Friedrich von Preußen nicht nur die Ursache für die Entstehung eines nationalen Bewußtseins in dem eben angedeuteten Sinne, sondern er war der Gegenstand der Poesie selbst. In diesem Kreise, dessen Mittelpunkt Gleim war, strömten Kriegstaten und Größe der Regententätigkeit unmittelbar in die praktische Literaturbetätigung ein: die historische Wahrheit wurde zur Dichtung. Gewiß können sich die Poeten dieser Schule nicht an Kraft des Ausdrucks und an schöpferischer Genialität mit den Heroen unserer Literatur messen. Die Popularität Gleims beruht aus seiner Verherrlichung des Großen Königs und seines Heeres, deren Töne, so unharmonisch sie an sich sein mochten, doch bei den Patrioten Widerhall fanden; „darum gewinnt seine Poesie ebensoviel an historischem Werte, wie sie an literarischem hinter den Erzeugnissen der klassischen Literatur zurücksteht". Gleims Kriegslieder trugen viel mit dazu bei, daß Preußens Bewohner mit hohem Stolze sich rühmten, dem Staate anzugehören, dessen König der größte Mann des 18. Jahrhunderts war. Und solche Wirkung ward erzielt, trotzdem diese Lieder sich zum Singen nur wenig eigneten und den volkstümlichen Ton doch nur in sehr geringem Maße trafen; auch wurde ihr dichterischer Wert durch die Fülle der Anspielungen aus dem Altertume wesentlich beeinträchtigt. Der durchgehende Gedanke, daß Friedrich der Große über die Mark und über Preußen hinaus für ganz Deutschland wirke, gibt den Gedichten eine in keiner Weise zu unterschätzende nationale Bedeutung; die Niederlage Österreichs und des habsburgischen Kaisertums wird geradezu als eine Befreiung Deutschlands gekennzeichnet, so daß dem tiefer Blickenden es damals schon nicht zweifelhaft sein konnte, daß ein nationaler deutscher Staat nur im Gegensatz zu den alten politischen Formen gegründet werden konnte. Die Hauptsache war jetzt, daß der Deutsche einen Helden hatte, auf den er stolz sein konnte; diese Stimmung des erwachenden nationalen Stolzes wird trefflich gekennzeichnet:
von diesem Einzigen wird man wie ein Gedicht
Linst die Geschichte lesen;
Denn wahr, was sie erzählt, ist alles zwar gewesen,
Wahrscheinlich aber nicht.
Man fing in den Landen ringsumher zu ahnen an, daß Preußen nicht nur ein geographischer Begriff sei, daß dieser König die verschiedenen Elemente zu einer wirklichen Einheit zusammengeschweißt hatte: der preußische Patriotismus ging unmerklich in den deutschen über. Freilich war solcher Richtung der Poesie nach des Königs Tode der eigentliche Lebensodem entzogen: bald darauf schrieb Gleim die letzten Gedichte; das Tragische der Entwicklung aber war, daß Friedrich der Große nur ein Verehrer und Bekenner der fremden Musen war. In der bekannten und immer vielgenannten Schrift
im Urteile seiner Zeit; vossische Zeitung ;8I7, Beilage Nr. 2/q. — G. Ule ntz, Fr. d. Gr. und die deutsche Sprache; Zeitschrift f. deutsche Wortforschung, lgo;, S. ;g-l/ 22 S. — Der Aufsatz von Scheller, Fr. d. Gr. als Schriftsteller in den Hamburger Nachrichten III.2 war mir leider nicht erreichbar. — I. D. E. preuß: Friedrichs II. Urteile über die schöne Literatur der Franzosen und Deutschen; in: v. Ledebur, Archiv f. preußische Geschichtskunde, Bd. 7, ; 8 Z 2 , S. 323/öl.