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nicht einmal völlig verstandenen Vergangenheit zu; es ist auf jeden Fall merkwürdig, daß kein unmittelbarer Einfluß Friedrichs II. auf die Dichtungen — Lessing vielleicht ausgenommen — wahrzunehmen ist. Klopstocb) hatte sich wohl anfänglich in ehrlicher, echter Weise für den König und seine Taten begeistert; als sich dann aber seine Hoffnungen auf Anerkennung durch ihn sich nicht verwirklichen wollten, nahm er desto energischer gegen ihn Partei. Goethe verteidigte des Königs Verständnislosigkeit in deutschliterarischen Dingen mit „selbstloser Billigkeit", während Schiller bekanntlich die nationale Bedeutung dieser Persönlichkeit keineswegs verkannt hat. Seit Minna von Barnhelm ist es dann üblich geworden, dem Franzosen im deutschen Drama, nach dem Muster des Riccaut, die komische Rolle zuzuteilen: es war eine unverkennbare Wirkung von Friedrichs Sieg bei Roßbach und der dadurch wieder wachgerufenen Verachtung des Erbfeindes. Lessing hat vielleicht die Herrschergröße, das pflichtbewußtsein und den Genius in Friedrich dem Großen am stärksten empfunden, weniger dessen deutsch-nationale Bedeutung. So viel aber ist sicher und muß hier noch einmal, vielleicht über die sachlichen Grenzen dieser Arbeit hinaus, betont werden: der Gedanke der Einheit war die Wirkung der sriderizianischen Taten; von hier datiert die universalhistorische Bedeutung der deutschen Literatur: ihr ist das Bewußtsein nationaler Zusammengehörigkeit und Gemeinsamkeit im Gegensätze zum Auslande zu danken, welchem die Literatur der vorhergegangenen Jahrhunderte zu ihrem und zu allgemeinem Schaden den Tribut der Entwicklung dargebracht hatte.
Gleim war einer der ersten, die eine originelle Dichtungsart versuchten; der Hauptfehler seiner Lieder war ihre Länge. Mas er für die Gebildeten war, wollte Ramler für die Gelehrten, die Karschin für das Volk sein; Ramler steht ebenso weit über Gleim als die Karschin unter ihm, wenn diese auch die allgemeinen Linien dieser ganzen Zeit richtig charakterisiert:
bseldl Die Natur und Deine Liege machten
Mich ohne Kunst zur Dichterin I
Ramlers nationaler Gehalt ist dagegen nur geringfügig uyd beschränkt. Auch in anderen Gedichten dieser Zeit, wie z. B. in denen von Willamow, steckt zuweilen jener Zug preußischen Selbstgefühles, das eine der besten Früchte des Siebenjährigen Krieges ist. Zog somit die deutsche Literatur aus den brandenburgisch-preußischen Großtaten die Kraft für eigenes Schaffen und eine wirklich originale Produktion, so ist dennoch sehr zu bezweifeln, ob Friedrich der Große, wie Gervinus meint, die Literatur in seinen Schutz
i) Vgl. darüber V. Tschirch, Lin Angriff auf Friedrich d. Gr. in Klopstocks Gelehrtenrepublik, in Forschungen zur brandenburgisch-preußischen Geschichte, Bd. IV, S. 2SZ/6. — Rlop- stocks Gedicht Gelehrtenrepublik richtet sich nicht nur im allgemeinen gegen die Anbeter und Nachahmer des Auslandes, sondern es enthält auch einen scharfen, direkten Angriff gegen Friedrich II., der bisher fälschlich auf tvieland bezogen worden ist. Am ersten Morgen des letzten Landtages der Gelehrtenrepublik wird von dem Anwalt der IVeltweisen eine Anklage gegen einen Ungenannten erhoben, gegen einen Mächtigen, der ein Deutscher ist, ohne ihrem Volke angehören zu wollen und der eine gefährliche Macht besitzt. Die näheren Umstände der Anklageverhandlung als auch direkte Anspielungen auf Friedrichs Vde an Gottsched wie auf den Schluß seiner Alöravirss äs LruuclsüvurA erheben die Annahme zur Gewißheit, daß an der betreffenden Stelle des Gedichtes der Philosoph von Sanssouci gemeint ist.