Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1916) Die Kultur / von Robert Mielke ...
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genommen hätte, wenn er sie eben als spezifisch preußisch erkannt hätte. Aus jeden Fall aber besteht das Wort E. v. Kleists zu Recht: Unser Großer Friedrich gibt einem Dichter mehr Stoff, als jemals einer gehabt hat. Wie um Goethe alles Gefühlsmäßige des deutschen Geistes als um den inneren lebenspendenden Kern kreist, so bewegt sich, weniger bewußt, um Friedrich den Großen vor allem das nur Geistige, von der reinen Vernunft ^ getrieben, das sich auch in seiner eigenen Produktion ausdrückt. In schwungvoller Gden- form paßt er sich besser dem hochgestimmten, rhythmisch bewegten Seelenzustande der eigenen Persönlichkeit an als in wohlabgewogener Rhetorik;hier wird die gebundene Rede zum Bedürfnis, hier pochen stolze Worte aus wahrhaft großdeutschem Herzen ans Herz der noch zersplitterten Nation, die sich erst wieder in diesem Nationalhelden ihrer bewußt wurde". Friedrich II. war ein Kenner der Weltliteratur und hat in der Weite und Fülle seiner so mannigfachen und vielseitigen Betätigungen als Staatsmann, Feld­herr, Komponist, Dichter usw. eine Vereinigung von praktischen wie ästhetischen Gesichts­punkten zum mindesten angestrebt und versucht. Die Poesie war ihm eine höhere Form der Sprache ; in dem Charakter der Deutschen freilich fand er einen der Hauptgründe für die Nkängel ihrer Sprache: Schwerfälligkeit, Weitschweifigkeit, Nkangel an Einheit; das Studium des deutschen Charakters half ihm den Zustand der Sprache verstehen; er hat zeit seines Lebens auf ihre Verbesserung gesonnen, hat nach dem Siebenjährigen Kriege Sorge für den deutschen Unterricht getragen und noch im August s785 gesagt: Was ist rühmlicher für einen Deutschen, als rein Deutsch sprechen und schreiben? In seinem Wort­schätze ist der Einfluß des Niedersächsischen, speziell des Märkisch-Berlinischen, nicht zu verkennen; die unten angeführte Arbeit von G. Mentz verfolgt eingehend die Eigentüm­lichkeiten des Stiles bei Friedrich dem Großen. Für ihn war die Dichtkunst während seines ganzen Lebens ein Mittel zur geistigen Erfrischung; seine dichterischen Versuche gingen Hand in Hand mit der Lektüre der klassischen Dichtung des Franzosen und wurden durch sie nach Form und Inhalt beeinflußt. Seine Poesie ist reich an philosophischem Inhalte, auch wenn er für seine dichterische Betätigung keine andere Erklärung findet, als daß sie ein Mittel war, um ihn zu zerstreuen. Nach ihrem rein literarischen Werte haben des Königs Poesien freundliche, fast begeisterte Aufnahme gefunden; gegen seine darin niedergelegten philosophischen Anschauungen hat sich indessen mancher Widerspruch erhoben. Die Wirkung auf die Zeitgenossen war doch aber so stark, daß Diderot sagte: Friedrichs des Großen Dichtungen werden Jahrhunderte überdauern und in immer reinerem Lichte erstrahlen.

Als zwanzigjähriger Kronprinz schrieb Friedrich aus der Lüstriner Gefangenschaft an den Minister Grumbkow: . . .seitdem die Begeisterung in meinem Schädel erwacht ist, muß ich reimen . . . mir macht es das größte Vergnügen, in den engen Grenzen des Reimes und des Versmaßes einen Gedanken zu formen und bei meiner Spottsucht all meine Galle mit giftiger Feder ausspritzen zu hönnen." Mit solchen Worten charak­terisierte Friedrich besser die Art seiner eigenen Verse als irgendeiner der späteren Kritiker: die Eigenart seiner Gedichte ist die Satire; selten nur gelingt ihm das höhere Pathos.

Was er sonst in Verse brachte, ist gereimte Prosa, die stets vom Scharfsinn eines großen Denkers zeugt. Scherers Arteil:als Dichter ist Friedrich der Große am meisten mit horaz verwandt, unter den Deutschen könnte Hagedorn mit ihm am ehesten verglichen