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werden," ist in jedem Sinne falsch; Friedrich hat sich dichterisch wie philosophisch an dem kritischen Geiste Voltaires genährt, und die tändelnde Anmut der Muse des Horaz oder Hagedorns ist ihm durchaus und immer fremd gewesen. Aber trotz innerlicher Anlehnung an Voltaire und trotz des französischen äußeren Gewandes seiner Verse war Friedrich ein durch und durch deutscher Dichter und in vaterländischem Sinne jedenfalls der einzige in seiner Zeit, der sich seines Deutschtums vollbewußt war. Der von ihm selbst veranstalteten Ausgabe der Dossiss ciivsrsss schickt er eine Widmung voraus mit den — hier übersetzten — Versen:
Ateine Muse, ganz teutonisch,
Die ein grobes, eigenart'ges Schandfranzösisch radebrecht,
Nennt die Dinge schlecht und recht.
Und es macht die Gedichte lesenswert und wichtig, weil sich in ihnen Friedrichs Natur: Derbheit, Geradheit, kühler Verstand und äußerste Strenge gegen sich selbst überall zeigt und ausdrückt.
Seine Mden und Episteln erörtern irgendein moralisches, „tugendhaftes" Thema in lehrhafter Art und Tendenz, mit reicher Kenntnis und Belesenheit der Geschichte, der Mythologie, der Klassiker des Altertums und späterer Zeiten; hierhin gehört auch ein Lehrgedicht, das in fast zweitausend Alexandrinern die Kriegskunst behandelt. Von den rein philosophischen Gedichten können die Verse „Über den Zufall" am besten Friedrichs Weltanschauung charakterisieren; es beginnt:
Neinl Bilde Dir nicht ein, daß Menschenleid Zu Gott heranreicht und er tsuld uns gönnte.
Er steht zu hoch in seiner Seligkeit,
Als daß ein Einzelnes ihn rühren könnte.
Gott hört nicht unser Wünschen, unser Flehn,
Und wenn wir auf Altären Vpfer zünden,
Kein Weihrauch wird ihm unser Fühlen künden.
Er läßt uns weder Lohn noch Strafe sehn.
Das ist der wahrhaft überirdische Gott, wie ihn der gleichgesinnte Freund Voltaires sich vorstellte.
Von den Gedichten seiner satirischen Laune ist „Das Palladion" die umfangreichste Schöpfung seines Witzes; er verquickt hier historische Vorgänge mit romantischem Phantasiespiel und bringt neben einer geradezu meisterhaften Schilderung einer wirklichen Schlacht auch einen kleinen Aufstand der Heiligen gegen den lieben Gott im Himmel . . . alles prickelnd und schalkhaft, als stamme es aus Wielands Geist und Feder.
Seine Komödie „Die Schule der Welt", die in bürgerlichen Kreisen spielt und um einen verlumpten Studenten ehrbare, sarkastisch gezeichnete Familienmitglieder gruppiert, verflacht im Laufe der Handlung zu einer banalen, italienischen Prügelposse; an rein satirischem Gehalte steht „Der Modeaffe" viel höher. In einer Menge von Gelegenheitsgedichten sucht Friedrich zu allgemeineren Gesichtspunkten und Beziehungen zu kommen; ich hebe eine Epistel an den schon genannten Grumbkow aus dem Jahre 1732 heraus, worin Friedrich mit frischem Galgenhumor eine Wagenreise über Land beschreibt und damit zugleich ein Bild vom Verkehrswesen jener Zeit gibt. Die Reisenden geraten in