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schrieb bis fünf oder sechs Verse; dann kam sein Sekretär d'Arget, der ihm vorlas, um sieben begann die Musik."
Sich selbst nannte der König gelegentlich einen Wortplundersammler, Versezüchter, Reimausbrüter; Voltaire gegenüber bekennt er, daß ihn ein Irrlicht nur zur Reimjagd verführt habe, und er begnüge sich nun:
So laß ich denn dem strahlenden Voltaire Apollons Reich, das Zepter des Vomer.
Rein anderer Wunsch ist mir zu eigen.
Als ihm zu lauschen und zu schweigen.
Von den Ansichten des alternden Königs „Aber die deutsche Literatur" wird noch zu reden sein; mit besserem Rechte aber durfte er etliche Jahrzehnte früher Gottsched die (auch Französisch geschriebenen) Verse widmen:
Du zwangest eine Sprache von Barbaren,
An Lauten reich, die rauh und widrig waren,
In deinen Liedern lieblicher zu klingen.
Damals, s757, hatte Lessing kaum erst begonnen, der deutschen Prosa Schliss, Schärfe und Klarheit zu geben; Gleim, Klopstock und Wieland waren mit nachhaltiger, umformender Wirkung noch nicht auf den plan getreten; Goethe war acht Jahre alt.
So ist bei Friedrich dem Großen der merkwürdige Gegensatz zu beobachten, daß er, dem die Muttersprache nicht gefügig und geläufig war, in fremdem Idiome deutsche Art, als persönlichen Ausdruck seines Wesens, vertrat und verkündete.
Die literarische Emporentwicklung des neuen Berlin begann also zur selben Zeit, da Preußen bewies, daß es die protestantische Erfüllerin der Geschicke des wankenden alten Reiches sei. Die Hochschullose Stadt hob sich auf eine Höhe literarischen Wirkens, die sie neben das Hamburg Hagedorns und des Nationaltheaters, neben das Halle Christian Wolffs, das Leipzig Gottsched und Gellerts, neben das Königsberg Kants und Hamanns stellte. Gewiß war der schon genannte Gleim kein geborener Berliner, aber seine preußischen Kriegslieder sind ein Berliner Werk durch den Verleger, den Illustrator und den Vertoner, und ein Offizier des Großen Königs war unter den neuen Dichtern: Ewald von Kleist, gleichsam eine Verkörperung der Kräfte dieser Zeit, preußisch, fritzisch im Fühlen und Denken, mit allen guten Eigenschaften des Märkers, königstreu im Leben und Sterben, ein begeisterter Verkünder der Ruhmestaten seines Herrschers in dichterischen Formen von reicher Mannigfaltigkeit; zum ersten Male ist hier zu beobachten, wie die Größe des Stoffes und Gegenstandes die künstlerische Gestaltung beherrscht und bestimmt, die Steifheit des Ausdruckes und des Rhythmus beginnt zu weichen und sich zu lösen, Anspielungen und Beziehungen schwinden allmählich, und das große Thema aller Kleistschen Dichtungen tritt klar in eine durchgebildete Erscheinung. Der um zehn Jahre jüngere Karl Wilhelm Ramler bleibt hinter ihm wohl an eigentlich poetischer Erfindung zurück, aber er singt mit preußischem Stolze sein Lied an die Stadt Berlin — wenn auch hin und wieder mit starkem mythologischem Aufputz:
Ich sah sie! (Noch zittern die Gebeine)
Ich sah, bekümmertes Berlin,
Die Göttin deines Stroms vor deinem Tannenhaine >
Mit ihren Schwänen ziehn.