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ist ebensowenig die Rede bei den Lapphostücken von Kleist und Grillparzer?) Die Vorwürfe, die in dieser Beziehung Ackermann (vgl. unten) gegen Grillparzer erhebt, sind gänzlich ungerechtfertigt; das „fast völlige Plagiat" ist durch nichts zu erweisen. Die Vorgänge der Vorgeschichte und Haupthandlung sind bei beiden ganz verschieden motiviert: bei Kleist erglüht Sappho für phaon, als sie ihn in feiner kraftvollen Schönheit am Strande von Lesbos erblickt. Bei Grillparzer ist er ihr in Olympia unter dem rauschenden Beifall des Volkes zu Füßen gesunken; alle Ereignisse, die sich an der Hauptstätte des griechischen Gesamtkultus abgespielt haben, kennt Kleist in der Entwicklung seiner Fabel nicht. Bei Kleist ist phaon ein flatterhafter Liebhaber, der schon einmal Sapphos Liebe mit der der Andromeda vertauscht hat und beim Beginn des Stückes schon wieder seinen Blick von Sappho abwendet:
(Nachdem Damophile ihn verlassen, richtet er sich auf und wirft sich voll Unmut in einen Sessel.)
Mit welchen Farben mal' ich dieses Bild, verschwunden im Entstehen? für Wirklichkeit zu schön, und kurz genug für einen Traum?
Ich weiß nicht, soll ich glauben, was ich sah und hörte, oder soll ich's leugnen? Geist und Körper hat es tief erschüttert; nun auf ewig Sapphos Bild von meiner Brust verdrängt, und eine Gottheit aufgestellt, die mit mir leben, mit mir sterben muß. was soll ich thun, wenn Sappho kommt? wie sie empfangen? — phaon, Phaon! du betrügst dich selbst mit falscher Hoffnung!
Bei Grillparzer ist der Bund zwischen Sappho und phaon eben erst angeknüpft, und das Stück selbst zeigt erst die ganze Entwicklung der Liebe phaons zur Dienerin Melitta; der plan Sapphos, die Vereinigung der beiden zu vereiteln, indem Melitta nach Ehios entführt werden soll, ist Grillparzers alleiniges Eigentum, ebenso auch die Verfolgung und Zurückbringung der Flüchtigen. Ebensowenig aber hat Grillparzer Figuren des Kleistschen Stückes ohne wesentliche Eharakteränderung beibehalten; Alcäus, der bei Kleist als der Rivale phaons eine wichtige Rolle spielt, fehlt bei Grillparzer völlig; Rhamnes findet bei Kleist kein Vorbild oder auch nur eine entsprechende Figur, Sappho und phaon waren durch die Überlieferung vorgezeichnet und gegeben; während für die unglückliche Dichterin die Einzelheiten des Eharakters und des Tuns durch die Tradition festgelegt waren und sich so bei beiden Dramatikern notwendige Mederholungen finden, ist Phaon bei Kleist und Grillparzer grundverschieden; aber auch in Damophile und Aidno ist nicht das Urbild für Melitta und Eucharis zu finden; treulos und leichtsinnig zeigt bei Kleist sich Damophile in ihrem handeln und Denken ... in naiver Unschuld folgt Melitta in der tiefen Ehrlichkeit ihres Wesens nur dem natürlichen hange und Triebe ihres Geschlechtes und ihrer Zugend, wenn sie den phaon liebt, ohne dabei auch nur an einen Treubruch Sappho gegenüber zu denken. Eucharis wieder hat bei Grillparzer ja
H V. Weddigen, Die dramatischen Bearbeitungen der Sappho in der deutschen Literatur — Deutsche Dramaturgie, Zeitschrift für dramatische Kunst und Literatur. Sahrg. >, Heft m, tSAZ-
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