Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1916) Die Kultur / von Robert Mielke ...
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nur eine unbedeutende, fast stumme Rolle, Zidno aber ist Sapphos Vertraute und damit nach dem dramatischen Muster dieser Zeit eine wichtige Person des Stückes. Wenn schließlich beide Dichter die Sterbeszene nach Lesbos statt nach Sizilien verlegen Sappho will dort, wie Aleist sagt,ein viel geschätztes Nichts der reizendsten, der schönsten Hoff­nung opfern", wenn sie für ihre Dramen die erhaltenen Fragmente der lesbischen Dichterin verwerteten, so ist darin doch keine Entlehnung des einen vom anderen begründet; auch die von Ackermann (vgl. unten) behaupteten wörtlichen Übereinstimmungen gehen trotz der von ihm beigebrachten angeblichen Beweise nicht weiter, als die gleichen Situationen gewisse Ähnlichkeiten des Ausdruckes voraussetzen und bedingen.

Zu Aleists poetisch gleichgültigen Werken gehört das umfangreiche, drei Gesänge umfassende GedichtDenkmal deutscher Dichter und Dichterinnen", das durch die stoff­lich hierher gehörigen Verse kurz charakterisiert sei, welche Gleim gelten: H

Glorreich steht an ihrer Spitze,

Vater Gleim, im heiligen Silberhaar,

Und Athäna steigt vom Göttersitze,

Naht sich ihm, der stets ihr Liebling war.

Amor wandelt an der Göttin Seite Freundlich hüpfend, und die kleine Hand hat entzückt von einer neuen Beute,

Und gewohnt, ein Sieger seyn im Streite,

Schadenfroh den Bogen schon gespannt.

Eine Pflicht der Dankbarkeit gegenüber Dichtern und Dichterinnen seines Volkes wollte Illeist hier erfüllen,auf eine lebhafte Art die Namen in jedes Gedächtnis zurück­rufen, die Deutschland mit Vergnügen und Stolz nennt". So kam eine versifizierte Literaturgeschichte zustande, die die Aufgabe,vergnügend zu belehren", doch nur in geringem Maße erfüllte; eine nach Aleists Meinunghistorisch-lyrische" Art der Dichtung versucht er dadurch zu erreichen, daß er auf einen mondbeschienenen weiten Friedhofe um­herwandelt und von Leichenstein zu Leichenstein die Inschriften liest . . . bei den Dichtern seiner unmittelbaren Gegenwart aber mußte dieses Moment natürlich versagen, und da artet die Darstellung in eine bloße Aufzählung und Aneinanderreihung aus. Von einem auf zwanzig Gesänge berechnetem Epos,Die Befreyung von Malta"/) ist anscheinend nur ein ganz geringes Bruchstück vollendet worden; in diesem allein erschienenen ersten Gesänge ist das Vorbild des WielandschenGberon" nicht zu verkennen; Illeist wußte die ottuvs i'inio sehr wohllutend zu gestalten und findet manche eindrucksvollen Bilder und Vergleiche; auch ist die ganze Anlage sehr geschickt ein längeres Verweilen bei dem

9 Schiller, in der Vorrede zu Nielhammers Geschichte des Malteserordens nach vertot (N92/z), charakterisiert das Wesen desselben folgendermaßen: Lin feuriger Rittergeist verbindet sich mit zwangvollen Ordensregeln, Kriegszucht mit Mönchsdiszixlin, die strenge Selbstverleugnung, welche das Christentum Fordert, mit kühnem Soldatentrotz, um gegen den äußeren Feind der Religion eine undurchdringliche Phalanx zu bilden, und mit gleichem Heroismus ihrem mächtigen von innen, dem Stolz und der Üppigkeit, einen ewigen Krieg zu schwören. Ganz ähnlich hatte zwei Jahre vorher Franz v. Kleists Urteil gelautet (Deutsche Monatsschrift, Februar ; 7 go, S. ; 67 ): Heldenmut und Menschengröße findet sich hier vereinigt, und der steuernde Geist, von soviel Grüße überrascht, ist hier schon ohne die Phantasie des Dichters geneigt, höheren Kräften so große Wirkungen zuzuschreiben.