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Inhalte würde hier zu weit führen —; mit einer Szenerie voll südländischer Farbenpracht beginnt der Gesang:
Wo bald das Auge srey und schrankenlos ' In Fernen blickt, bald Felsen es umschließen,
Jetzt das entzückte Vhr aus Philomelen lauscht.
Jetzt den Armiro hört, der hier durch Felsen rauscht,
Hier, wo im Hain süßduftender Litronen Den wandernden ein kühler Schatten winkt,
Im Maulbeerbaum die Seidenspinner wohnen . . .
In wohlabgewogenem Kontrast wird dann die kahle Felseninsel Malta geschildert, und neben die unzähligen, ungezügelten Heeresmassen Solimans, neben die asiatische Völkerwoge, stellt Kleist die von Ehre und Gehorsam getragenen Vertreter europäischer Gesittung. Eine ganze Reihe von Gedanken und Tendenzen seiner Gegenwart spiegeln sich in dem Gedichte „Aamori oder die Philosophie der Liebe" wieder, von dem freilich Wolfgang Menzel schrieb: „Es ist kein Zufall, daß in demselben Jahre, in welchem Ludwig XVI. auf dem Schafott blutete und der Konvent seine Schrecken ausgehen ließ, dieser stille Berliner seinen .Zamorb dichtete, in welchem alles, was deutsches Gemüt damals an Süßlichkeit und Schwächlichkeit leistete, konzentriert erschien." Gewiß ist auch hier Wielands Vorbild nicht zu verkennen; daneben macht sich Rousseausches Denken, kosmopolitisches Fühlen und die Kunstform der Robinsonaden geltend; der siebente Gesang des „Oberon", in welchem Hüon und Rezia lange auf einer einsamen Insel leben, war hier ebenso das Muster, wie der Grundgedanke zahlreicher Romane, welche das exotische Milieu pflegen und dabei den „Milden" die Rolle des edlen, aufopfernden Menschen zuteil werden lassen. Mit plastischer Kraft ist die Natur geschildert: „Doch hörst du nicht? mir ist, als hört' ich die brausende Flut. . . horch! — horch — wie säuselt's in den Tannenwipfeln so schauerlich ... ach sieh! wie aus den Felsengipfeln dort in der Fern' der düstre Himmel ruht ... wie er immer schwärzer wird, wie tief die Schwalben ziehn ... ha, sie verkünden Sturm . . .!" Wie wenig aber Menzels Meinung den Kern dieser ja nur allegorischen Dichtung trifft, das zeigen Kleists Ansichten über religiöse oder politische Freiheit, wie sie in folgendem zum Ausdruck kommen:
Und diese Gottheit wohnt gleich gern auf jeder Flur,
Braucht keine Priester und braucht keine Hölle,
Man ehrt sie doch und naht gern ihres Tempels Schwelle;
Despoten-lVahnsinn nur
Aann, in der Hand das Schwerdt, zum Glauben Menschen zwingen wollen, Erschaffen einen Gott, den sie verehren sollen.
Der, wie es Willkür will, bald schaffet, bald verhehrt.
Nur priesterstolz ließ xrächt'ge Tempel bauen
Und sprach: Hier wohne Gott und sey von euch verehrt.
vor solchem Gott muß den Geschöpfen grauen,
Und nur der Heuchler kann aus sein versprechen bauen.
' Die stoffliche Berührung Franz v. Kleists mit Schiller, die bereits in dem Maltesermotiv hervortrat, zeigt sich auch in dem Tauchergedicht. Ausfällig ist hier zunächst die Nachlässigkeit der Form, die sonst keineswegs bei ihm zu beobachten ist; den zahlreichen