Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1916) Die Kultur / von Robert Mielke ...
Entstehung
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29 §

Fassungen dieser Lage gegenüber, welche alle darin gipfeln, daß der Taucher aus leiden­schaftlicher Gier nach dem ausgeworfenen Preise den Sprung zum zweiten Male in die Tiefe wagt und darin umkommt, zeigt Kleist doch eine originelle Auffassung: bei ihm treiben den Taucher das launenhafte Gebot und die Drohungen des Königs in den Tod. Hier war also die Möglichkeit einer Satire auf fürstliche Willkür gegeben; deswegen wählte Kleist Knittelverse und die ganze Art einer Wielandschen komischen Erzählung. So fällt also die innere Möglichkeit eines Vergleiches von Kleists und Schillers Kunst ganz fort; es war Kleists Absicht, daß Nikolaus, gezwungen durch des Fürsten frevelhaftes Gebot, zugrunde gehen sollte, trotz seines Widerstrebens, damit eben die Schuld allein auf den Despoten fiel. Es liegt ein beträchtlicher Spott darin, wenn auf der einen Seite der arme Nikolaus die Galgenfrist von acht Tagen, die ihm der König bis zum zweiten Sprung gewährt, in Kümmernis verlebt, trotz all der Kostbarkeiten, die ihm die Hoftafel liefert . . . während er seine Rechnung mit dem Himmel macht, zechen im Schloß die großen Herren:

... So sitzt der Kaiser schon beim Mittagsmahls,

Erhebt mit schwerem Arm den schäumenden Pokal,

Und trinkt im Ernste halb, und halb im Lachen,

So in dem Ton, wie ein gesalbter Mann Des Niederen Verdienst bewundern kann,

Des armen Schwimmers Wohlergehen.

Der Hofkaplan, der kaum zu stehen,

viel weniger zu sprechen mehr vermag,

will seiner Heiligkeit so recht ein Ansehn geben,

Und trinkt dem Kaiser zu: der jüngste Tag, wo auch die Toten wieder leben!

Und fällt, indem er's sagt, dem Toten gleich,

Bei seinem Stuhle trunkeu nieder . . .

Der arme Niclas wird währenddem vergessen,

Sitzt sorgenschwer bei seinem Mittagsessen . . .

Denkt zitternd an sein nasses Grab.

Dieser Kontrast: Scherz und Kurzweil auf der einen Seite, auf der anderen ein Menschenleben in Gefahr, geht durch das ganze Gedicht . . . ironisch wird der Ton der großen Welt dem armen Schlucker gegenüber getroffen, wenn der Kaiser ihn nach dem ersten glücklichen Sprunge empfängt: Du bist ein braver Kerl, und es ist ewig schade, daß nicht ein Schwert an deiner Seite hängt; der Fürst betrauert dieNotwendigkeit, daß oft der einzelne dem allgemeinen stirbt" und schwimmt

vergnügt in seinem prächt'gen Nachen Messinas Strande wieder zu,

Indeß Held Nikolas in guter Ruh'

Bei seinem goldnen Becher modert

Und einst am jüngsten Tag die hundert Gulden fodertä

Freilich war es eine unglückliche Idee Kleists, den Hohenstaufen Friedrich II. hier die Rolle des grausamen Herrschers spielen zu lassen, der nun als ein erbärmlicher Despot erscheint . . . von der weltgeschichtlichen Größe dieser Erscheinung ist kaum eine Spur zu finden, was aber wohl mehr auf ein allgemeines Verkennen der Zeit zurückzuführen