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ist. 1,789 schrieb Kleist als „Gegnstück zu Schillers Göttern Griechenlands" „Das Lob des einzigen Gottes" — auch er hatte wohl den letzten 5inn der Schillerschen Verse nicht voll begriffen —; im Jahre darauf hat Kleist in den Versen „An die Freundschaft" im Gegensatz zu Schillers „Freuden-Freundschasts-Hvmnus" die kosmopolitische Begeisterung und Stimmung gedämpft:
Linen nur von Millionen Wesen,
Tausendfach von dem Geschick zerstreut,
Linen nur von Millionen Wesen
Hat die Schöpfung Dir zum Freund erlesen.
Der sich Dir mit heil'ger Wollust weiht.
Nun mit ihm kann Deine Seele fühlen . . .
In dem Gedichte „Das Glück der Ehe"h (Berlin 1796) lassen sich nun deutlichere Beziehungen zu Schiller -— wie auch zu Bürger (vgl. die Anmerkung) — Nachweisen; Kleist entwickelt hier unter anderem die Auffassung, daß sich der erste Begriff des Eigentums und der daraus folgenden Gesetze aus der ehelichen Verbindung herleite; Schiller hat im eleusischen Feste den Ackerbau als den Anfang aller Kultur geschildert. Eine Anlehnung Schillers, die durch eine Abereinstimmung und große Ähnlichkeit von Reim und Metrum noch deutlicher wird, ist kaum von der Hand zu weisen, wie folgende Gegenüberstellung zeigen mag.
Kleist.
Hymen rief aus finstern Höhlen Thierischer Verborgenheit Sanfte tugendhafte Seelen,
Und erschuf die Menschlichkeit;
Gab dem dämmernden Gedanken Liner selbst geschaffenen Pflicht Klarheit — und die Schleier sanken, Des Gesetzes heil'ge Schranken Fesselten den Bösewicht.
Da verließ der nackte wilde Seines Raubes blut'ge Spur,
Suchte lachende Gefilde Und benutzte die Natur;
Auf den Hügel pflanzt er Reben, Säte Weizengold ins Thal,
Lernte sich Gewände weben,
Hütten bauen, friedlich leben,
Müßig seyn beim Freudenmahl.
Schiller.
Scheu in des Gebirges Klüften Barg der Troglodyte sich; —
Und die rohen Seelen zerfließen In der Menschlichkeit erstem Gefühl.
Mit dem Wurfspieß, mit dem Bogen Schritt der Jäger durch das Land Und mit grünen Halmen schmückte Sich der Boden alsobald,
Und soweit das Auge blicket,
Wogt es wie ein goldner Wald.
. . . in friedlich, feste Hütten Wandelte das bewegliche Zelt. — Schwelgend beim Siegesmahle Findet er die rohe Schaar.
Das Gedicht selbst also stellt in durchaus greifbarer und verständlicher Entwicklung
9 Die Allgemeine Literatur-Zeitung äußerte sich über das Glück der Lhe in reichlich sauersüßem Tone (l?99, Bd. 2, Nr. N5, S. 95): Nicht leicht hat sich bei so wenig wahrem Gehalt und poetischer Unabhängigkeit mehr Vollendung in den äußeren Formen, dem Versbau, dem Ausdrucke und selbst bis auf einen gewissen Grad dem Gewebe der Bilder gefunden, als der Verfasser dieses Gedichtes besaß. Ls ist ganz in dem Tone von Bürgers hohem Liede abgefaßt, dessen Widerhall man nicht nur im Gange der Strophen überhaupt, sondern auch in einzelnen Stellen ganz deutlich vernimmt. Ls ist ein Meisterstück wohllautender Leerheit.