Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1916) Die Kultur / von Robert Mielke ...
Entstehung
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die Segnungen der Ehe für den einzelnen wie für die Gesamtheit dar; BürgersHohe Lied" trägt einen ganz persönlichen Tharakter, Kleists Verse dagegen Haben allgemein­philosophisches Gepräge. Nur die ersten beiden Verse Kleists sind stark von Bürger abhängig:

Bürger.

Lei willkommen, Fackelschwingerl Sei gegrüßt im Freudenchor, Schuldversöhner, Grambezwingerl Sei gesegnet, Mederbringer Aller Huld, die ich verlor I Lrdentöchter, unbesungen.

Roher Faunen Spiel und Scherz, Seht, mit solchen Huldigungen Lohnt die theuren Opferungen ,

Des gerechten Sängers Herzl

«leist.

Hymen, heil'ger Fackelschwinger, Goldgelockter Göttersohn, Seelenlenker, Freudenbringer, Schenk uns deinen Segenslohn I

Faune mögen seine Feste,

Seines Tempels Schwelle stiehn, Und im Schatten dichter Äste Für Uotyttos Töchter glühn.

Stark unter dem Einflüsse Schillers steht Kleist weiterhin in dem DramaGraf Peter der Däne" (Berlin s?9l);Die Räuber" undDon Earlos" sind die Vorbilder, auch die Französische Revolution von 1789 wirkte bei der Stofsgestaltung mit; aus dem Hintergründe der mittelalterlichen Geschichte Polens wird ein edler Berater der Krone, der gegen Despotie und Fürstenlaunen ankämpft, der Streiter für Wahrheit, Freiheit und Recht, der Liebling des Volkes und der Feind der Höflinge und Streber, von Intriganten gestürzt und vernichtet. Eine Fülle von Sentenzen unterbrechen den Fluß der Handlung und Schilderung, sind sie auch aus Schillers Geiste geboren, so entbehren sie doch dessen Schlagkraft des Inhaltes und des Ausdruckes. Schon hieran zeigt sich, daß dieses Kleistsche Stück am Anfänge jener endlosen Reihe von Epigonendramen steht, die, alle auf Schiller fußend, ebenso redlich wie erfolglos bemüht waren, die von ihm geschaffene Form des geschichtlichen Dramas mit ihrem Geiste zu erfüllen. Wichtige Vorgänge gibt Kleist hier auch als Erzählung, statt in sichtbarer Handlung; viermal wiederholt sich ein und dasselbe Motiv, ehe es, nämlich der plan, Graf Peter zu ermorden, zur Ausführung kommt, posa und Franz Morr werden in ihren wichtigen Eharakterzügen und Hand­lungen von Kleist imGraf Peter der Däne" wiederholt; wenn posa nur im Gefühle seiner Menschenwürde zum Anwälte der Wahrheit, so ist zwar Fürst Iaxa durch den Purpur geschützt, doch ist dieser gekrönte Freidenker ganz aus dem Geiste dieser Zeit geboren, welche in der Erfüllung Rousseauscher Theorien und Hoffnungen das Ziel jedes Strebens zu sehen gewohnt war. Und wie Franz Moor seine Hindernisse nicht durch direkten Mord aus dem Wege räumt, indem er seinen Vater nicht gern getötet, aber ab­gelebt sehen und den Mord nicht gern selbst getan haben will, um der Leute willen, so überläßt bei Kleist Dobeis es den dummen Tröpfen, sich durch ehrlichen Mord zu rächen: Der klügere Mann muß bessere Mittel kennen! Hier wie dort soll ein edler Greis lebendig begraben werden; hier wie dort wird der Rabenturm zum Grabe des Edlen gewählt. Dobeis entwickelt sich erst im Verfolge seiner Pläne zum zweiten Franz Moor; sind für diesen Gewissen und Ehrbarkeit Anstalten, die Narren in Respekt und den Pöbel unter dem Pantoffel zu halten, damit die Gescheiten es desto bequemer haben, so erscheint es auch Dobeis als ein Glück, daß es noch Menschen gibt, die an der Treue hohe Pflichten