glauben — denn ohne sie erlahmte selbst die List; wie bei jenem spitzfindige Abstraktionen die guten Regungen des Gemütes besiegen, so bezwingt auch Dobeis mit ähnlicher Verbrecherphilosophie das fühlende 6erz, — Außerdem aber hat sich Kleist in diesem Stücke auch an Shakespeare angelehnt ... die Lady Macbeth hat sich hier in die Herzogin Christine, eine deutsche Prinzessin, verwandelt. Das Weib des schottischen Feldherrn freilich wird zu der gigantischen Größe ihres Mollen- und Tuns getrieben durch die Sucht nach ihres Gatten Heldentum und letzten, höchsten Stellung; Thristinens Verbrechen ist schlimmer, denn auf ihr lasten Ehebruch und Komplott mit dem zukünftigen Mörder ihres Gatten — von den Furien ihres Gewissens gepeinigt und gejagt sind nach der Tat Macbeth und sein Weib; Thristine spottet ihrer Schwachheit und rafft sich zur Abwehr noch einmal zusammen. Die Anlehnung Kleists an sein großes Vorbild geht sogar so weit, daß er die berühmte Nachtwandlerszene bis in die Einzelheiten hinein wiederholt. Auch Hamlets Stimmungen und Gedanken spielen gelegentlich in Kleists Stück mit hinein ... der Einsiedler Anton — der sich am Ende des Stückes als Bruder des Grafen Peter herausstellt — gräbt sein Grab:
Hier soll mein Gebein in Staub zerfallen und vermodern? — Staub?
Die Harmonie der wundervollsten Kräfte
nach ewigen Gesetzen eingestimmt,
der Lebensquell tiefgreifender Gefühle,
der Mutterschoß unendlicher Gedanken,
die Seele Staub? auf ewig — ewig Staub? . . .
Ein Schäferspiel „Der bestrafte Raub" nannte Kleist selbst einen dramatischen Zeitvertreib; der Druckausgabe der schon erwähnten „Sappho" ist eine Abhandlung angefügt „Aber dramatische Dichtkunst", in welcher Kleist die Erkenntnis näher ausführt, daß die Wahrheit im Gewände einfacher, maßvoller Schönheit am künstlerischsten dargestellt werde. Mit der Knappheit und Einfachheit der künstlerischen Mittel und des Ausdruckes versteht Kleist hier zu wirken; um noch einmal auf die Verschiedenheiten zwischen Grillparzer und Kleist in der Behandlung des gleichen Gegenstandes zurückzukommen, weise ich hier noch darauf hin, daß Kleists Sappho den Menschen phaon zu ihrer höhe emporhebt und emporsteigert, Grillparzers Sappho aber den Versuch macht, von den Gipfeln ihrer geistigen Einsamkeit in die Täler und Ebenen des menschlichen Durchschnittsglückes hinabzusteigen; diese scheiterte, weil der Erdensohn phaon, vor den: verzehrenden Feuer ihres fast überirdischen Glanzes und Wesens wie Semele vor Jupiters wahrer Gestalt fliehend, ihr ein weniger göttlich-erhabenes Wesen vorzieht, jene, weil sie phaons Bild sich mit den Farben eines Gottes ausgemalt hat und sich dann notwendigerweise betrogen und vernichtet sieht. Kleists Sappho hält mit der ganzen Verzweiflung des idealen Menschen an dem Ideale fest und geht, da sie das Ideal zerstört sieht, freiwillig in den Tod; bei Grillparzer scheidet sie von dieser Erde, weil sie nicht zu einem eifersüchtig niedrigen Menschen herabsinken will.
Von Kleists Gedichten hebe ich hier/) wegen des Gegenstandes und wegen seiner
') Der Vollständigkeit halber erwähne ich hier noch die ^Abhandlung von Fr. v. Kleist
Über die eigentümlichen Vollkommenheiten des preußischen Heeres. In der Vorrede heißt