Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1916) Die Kultur / von Robert Mielke ...
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schleppte, erhob er die mahnende Stimme ... wie ein anderer Tyrtäus ruft er das Volk auf zum Kampfe gegen die Raserei der Masse und zum Schutze des bedrängten Königs, damit nicht auf deutscher Flur dieser Wahn eine Fortsetzung fände; wie ein spartanisches Embaterion schreitet die Ode im gehaltenen Tempo des asklepiadeischen Versmaßes dahin. Für die reinigende Kraft der neuen, großen und gewaltigen Bewegung, die von Frank­reich ausging, besaß Kleist vollstes Verständnis; auch in dem GedichtAuf Mirabeaus Tod" äußerte er seinen Abscheu vor den Greueln, aber er begrüßte die Revolution als eine Erlösung von der Despotie; denn sein Ideal war zweifellos das, was Frankreich damals nicht errang und was dem Volke Preußens auch erst viel später zuteil ward: eine Regie­rung des Königtumes im Einklang mit der Vertretung des Volkes. Als den Vorkämpfer solcher Ideen besang Kleist Mirabeau bei dessen Tode s?9s, und sein Gedicht war nur ein Widerhall der allgemeinen Verehrung, welche Mirabeau bei seinem Tode von allen Parteien gezollt wurde ... er preist ihn zuerst als Tyrannenvernichter:

Triumph, sie stirbt, die stolze Tyrannei I

Ich seh' geschmückt mit ew'gen Siegeskränzen,

V Mirabeau, dein Bild auf ihren Trümmern glänzen.

Dann feiert Kleist den Redner, Staatsmann und Gesetzgeber: Da schufest mit weiser Strenge Gesetz und Ordnung du und bändigtest die Menge?)

Die erste Berliner Dichtung von dauerndem Werte und in großem Stile entstand im letzten Jahre des Siebenjährigen Krieges, die Minna von Barnhelm Lessings, der nach Schillers Wort ungeehrt von Friedrichs Throne ging; das Lustspiel ward in Breslau begonnen und in dem sstW leider abgerissenen Hause am Königsgraben zu Berlin be­endet. Ganz friderizianisch lautet da der UntertitelDas Soldatenglück", und ein leiser Hauch lokalen Lebens liegt neben dem energischen Tone soldatischen Daseins über dem Ganzen. Hier findet sich schon das echte Berlinertum zusammen, verschlagen, mit derbem Humor, aus verschiedenen Landesteilen zusammengesetzt, eine Gesellschaft, die Haare auf den Zähnen hat, und der das Idealbild des preußischen Offiziers, wie er sein soll, gegenübergestellt wird?) Lessings Vetter Mylius erschloß in derVossischen Zei-

i) K. 6. Jördens Lexikon deutscher Dichter und Prosaisten, Bd. s, >8N, 2. 394 zitiert aus einer Anzahl gleichzeitiger Besprechungen von Fr. v. Kleists Erstlingswerk Hohe Aussichten der Liebe An Minona (>789) folgende charakteristische Sätze:Dieser junge Dichter, der einen den deutschen Musen so werthen Namen führt, verräth glückliche Anlagen, eine lebhafte Phantasie, und ein warmes Gefühl; seine Verse sind wohlklingend und sehr saust. Doch sind mit diesen Vorzügen auch wesentliche Mängel verbunden; der Ton ist fast durchgehend zu gespannt, der Plan ist nicht sichtbar, die Übergänge sind nicht genug verschmolzen und der Ausdruck wird oft durch allzureichen Schmuck so schielend, daß man den Sinn des Dichters nur mit Mühe und zuweilen gar nicht errathen kann."

9 L. v. Kleist hatte Anfang April >755 an Gleim geschrieben: Lessing ist sieben Wochen hier (d. h. in Potsdam) gewesen, allein, niemand hat ihn gesehen; er soll hier verschlossen in einem Gartenhause eine Komödie gemacht haben. Schon im Februar war Lessing nach Potsdam gegangen und Kleist war nach Nicolais Zeugnis noch im Januar >756 über Lessings verborgensein ungehalten gewesen. Ende Mai und Anfang Juni >755 hatte in Berlin die Ackermannsche Truppe nur wenige schwach besuchte Vorstellungen gegeben, um dann vom >s. Juni bis >8. Juli dieses Jahres in Frankfurt a. d. V. zu spielen; am >o. Juli >755 kam dort Miß Sara Sampson zur Uraufführung, wobei der damals >vjährige Fr. Lud. Schröder