Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1916) Die Kultur / von Robert Mielke ...
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tung" der literarischen Kritik neue Wege, und seine Freunde Nicolai und Wendelssohn setzten in den einflußreichen Briefen, die neueste Literatur betreffend, sein Werk mit größerem Nachdrucke fort; zum ersten Male entstand, schon 1748 gegründet, eine literarische Gesellschaft, der Berliner Montagsklub als eine Stätte regsten Gedanken­austausches. Nicolall) war ein hervorragender Repräsentant dieser Geistesepoche; die besten Kräfte seiner Zeit strömten in ihm zusammen: der Gewissensernst einer tief­gründigen Kritik, staunenswerte Arbeitsenergie in weiser Konzentration auf bestimmte, wohlbegrenzte Ausgaben, sowie die Fähigkeit des Festhaltens am Erlebten, Erkannten und Begonnenen. Zn Nicolai faßte sich das Wollen und Werden der ganzen Zeit zu­sammen man hat mit Recht hier die parallele mit Geliert gezogen; er wirkte wie jener auf eine Riesengemeinde von Gesinnungsverwandten und neu geworbenen An­hängern, er ging auf in feiner Zeit, er hinterließ der Nachwelt keinen zwingenden oder neuen Gedanken, kein Buch von einem zeitlosen Gehalte. Nicolai ist Mittelpunkt und Repräsentant eines Kreises, den man in wenig glücklicher Weise als die Berliner Aufklärung bezeichnet hat; schriftstellerische und buchhändlerische Wirkungen fließen bei ihm in merk­würdiger Art zusammen und ineinander über in durchaus persönlicher Betriebsamkeit, in der Eigentümlichkeit seiner kritischen Art, er ist ganz Berliner, und dabei doch in der Weite und Tiefe seiner Wirkung deutsche Aufklärung und deutschen Idealismus zugleich um­fassend, befruchtend und fördernd.

Am 4785 erschien in Wien die Schrift eines gewissen Blumauer: Beobachtungen von Österreichs Aufklärung und Literatur, in welcher als Resultat und Erkenntnis der tatsächlichen Zustände der Satz steht:Wien ist der Mittelpunkt, um den sich Deutschlands größere und kleinere Planeten drehen; wenn die deutsche Literatur, so wie sie jetzt ist, noch Weiterrücken soll, so muß sie von Wien aus weitergeführt werden." Wechselbeziehungen literarischer Art hatten sich zwischen den Mittelpunkten deutschen Lebens noch nicht ein­gestellt und jene befruchtende Wirkung, wie sie die Berliner Nicolai und später Gutzkow in Wien, die Wiener Saphir und Grillparzer in Berlin aus einer Fülle persönlicher und sachlicher Eindrücke wieder mit in die Heimat brachten, waren für die zweite Hälfte des 48. Jahrhunderts wie eben bei Nicolai eine Ausnahme und Seltenheit. Was an Dichtern und Dichterlingen in der zweiten Hälfte der Regierung des Großen Friedrich bis an des Jahrhunderts Ende in der Mark Verse schmiedete, schien allerdings dem eben zitierten Wiener recht zu geben; ich hebe nur etliches zur Tharakterisierung der beträcht­lichen Plattheit in Form und Inhalt heraus. Eine süßliche Naturbetrachtung ist ein Grundton, auf den hierbei vieles gestimmt ist, eine Verkleinerung der Gesichtspunkte und jeglicher Empfindung tritt immer wieder zutage. Dahin gehört z. B. Friedrich Ernst Wilmsen (4736 48 OO), der seit 4777 Prediger an der Berliner parochialkirche war

die Arabella spielte; Lessing wohnte dieser Aufführung bei, -das einzige Mal, daß er sich um die Bühnengestaltung seiner dramatischen Werke selbst gekümmert hat. (vgl. L. Löwenstein, Über die erste Aufführung von Lessings M. S. S. in: Jahresberichte und Mitteilungen des hist.-statistischen Ver. zu Frankfurt a. d. G., Heft 6/7, S. ;37/43.)

st Line umfassende Biographie Nicolais ist eine durch die Fülle des Stoffes wohl un­lösbare Ausgabe; vgl. das ausgezeichnet orientierende Buch von U. Aner (4gl2, lgs Seiten) sowie Lllingers Lffays in der Beilage der vossischen Zeitung, Berlin, lglt, Nr. 2 .