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In einer umfangreichen Satire aber, die gegen das Ende des Jahrhunderts von einem sonst nicht weiter nachweisbaren Gottschalk Nekker geschrieben wurde, wird der geistige, gesellschaftliche wie literarische Zustand Berlins nicht ungeschickt, wenn auch reichlich zahm gegeißelt?)
Die Satire beginnt mit dem Monologe eines von Gott und den Menschen verlassenen Schriftstellers, der, nachdem alle seine glänzenden Hoffnungen und Projekte in Berlin gescheitert sind, voller Ingrimm zum Tore hinausgeht. Dann nimmt der Dichter das Mort und charakterisiert nach der Reihe die mancherlei Abenteuer und windigen Glücksritter, welche aus dem „Auslande" nach Berlin strömen, um hier zu hungern und gedemütigt zu w'erden. Hierauf schildert er, nach einigen allgemeinen Bemerkungen über etliche „unverschuldete" Fehler Berlins — als einer Hauptstadt — die Toren und Törinnen jeder Art, die im bunten Gewühl die Stadt durchschwätmen, die Stutzer, die Pflastertreter, die Schwelger, die Großtuer, die elenden Schriftsteller, die kantischen philo- sophinnen, die „Tonnoisseurs" männlichen und weiblichen Geschlechts im parterre, die eingebildeten Antiker der Aunstwerke unserer Architekten, Maler und Bildhauer und ebenso auch die Illuminationen, Aonzerte und Picknicks unserer Aleinwirte, auch die geistlosen und armseligen Verlagsartikel einiger in- und ausländischer Buchhändler. Der Gedanke so vieler Toren und Torheiten in Berlin ergreift den Dichter, undr er will die Stadt verlassen. Aber die Erinnerung an so viele edle und biedere Männer, welche Berlin aufweist, hält ihn wieder zurück; er charakterisiert etliche der berühmtesten unter diesen Männern jedes Standes und jedes Volkes. Einer der wichtigsten Beweggründe seines verlängerten Aufenthaltes in Berlin ist — Berlin als Wohnsitz des geliebten Landesherrn, dessen einfache, prunklose Sitten, edle Denkungsart und allgemeine Liebe, ebenso wie die schlichten, bürgerlichen Sitten der Mitglieder des Aöniglichen Hauses kurz skizziert werden. Durch all dieses bestimmt und beruhigt, setzt er den Wanderstab, den er in bitterem Unmute schon ergriffen, wieder in den Winkel. . . und bleibt in Berlin.
Der erste, der versuchte, gelegentlich Tharakter und Eigenheiten der märkischen Landschaft mit Worten zu schildern, war wohl Johann Thristian Blum sl73<)—j7st0), der in Rathenow geboren war, nach Frankfurter Studentenjahren als Privatmann lebte und starb. In seinem Schauspiel „Das befreyte Ratenau"^ erscheint zum ersten Male der Große Aurfürst als äramütis xorsona; das Werk ist „kein Meisterstück, aber für seine Zeit eine achtbare Leistung, wenn auch schwach in der Komposition"; seine Gedichte sind leicht und gefällig im Geschmacks der Zeit, wenn auch im ganzen ohne eigentlichen künstlerischen Wert; höher steht dagegen seine Prosa in den „Spaziergängen". Blum gibt den Idyllen Amyntas und Rosalia (s765, 1780) eine griechisch-mythologische Einkleidung; anderen Gedichten, wie z. B. „Uber den moralischen Wert des Soldatenstandes" ist eine lehrhafte Tendenz eigen. Auch manch neckischen Ton hat er wohl zuweilen:
Mein Aennchen starb, die Augen drück ich ihr zärtlich zu;
Tie hat nun in der Erde, und ich im Hause Ruh. . .
*) Siehe Berlinisches Archiv der Zeit und ihres Geschmackes, Mai S. 5;5/5-p
2 ) vgl. über das Schauspiel Blums H. Stümcke, Oie Hohenzollernfürsten im Drama, ZZOZ, S. 6/8; dort eine ausführliche Inhaltsangabe des Stückes; dazu auch das Material in der Anmerkung aus S. 25 p