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Hauptnote seiner schriftstellerischen Tätigkeit ist die Satire') auf Menschen und Zustände seiner Gegenwart, wobei er seinem Spotte ohne jeden Zwang die Zügel schießen läßt und die inneren Verhältnisse der deutschen aristokratischen Gesellschaft in Gegensatz zu dem Bürgertum unmittelbar nach den Befreiungskriegen stellt. Lin Drama Friedrichs „Julius vonMedicis" oder „Liebe, Rache und Freiheit" (Berlin s8s5) ist in einer, man könnte fast sagen, an Illeist geschulten Sprache von bildhafter Rraft und -ungekünstelter Ronzeütriertheit geschrieben; ein Familienstück „Der Glückspilz und Die Glücksritters (l8s6) entbehrt dieser Eigentümlichkeit und die „Erzählungen und Märchen aus dem Reiche des Wunderbaren und Schauerlichen" (s8s9) sind wieder aus der satirischen Grundrichtung seines Denkens und Gestaltens entsprungen.
„Wir waren nur wenige Tage da, und ich guckte drein wie ein Rind in einen Schönraritätenkasten; ich wollte nur der Menschen Gewerbe und Wesen in der großen Stadt sehen": so schrieb Goethe an seinen Freund Merck, als er Gelegenheit gehabt hatte, Rarl August nach Berlin zu begleiten; solche Spiegelung der brandenburgisch-preußischen Hauptstadt und ihrer Umgebungen hat auch in diesen literarischen Zusammenhängen nicht zu fehlen?) s?7-s war dort von der „allergnädigst privilegierten Rochischen Gesellschaft teutscher Schauspieler" „Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" „von Herrn Or. Göde in Frankfurt a. M " aufgesührt worden und hatte, wie Lessing an seinen Bruder berichtete, „großen Beifall". Für Karl August waren es hauptsächlich diplomatische Gründe gewesen, die ihn im Mai s778 zur Reise nach Berlin bestimmten; für Goethe mußte es interessant erscheinen, ein geistig hochstehendes Publikum kennen zu lernen; denn weder Ramlers mythologischer Bombast noch Nicolais, des „braven, verdienst- und kenntnisreichen Mannes" kritische Stellung zu seinen Werken, konnte ihm ein Anreiz sein, persönliche Beziehungen in Berlin anzuknüpfen. Von Leipzig aus ging die Reise über das liebliche Wörlitz bei Dessau und Treuenbrietzen nach Potsdam, wo ein kurzer Aufenthalt zu etlichen Besichtigungen verwendet ward; im Fürstenhause sowie im Gasthofe Zur Goldenen Sonne stieg dann Goethe in Berlin ab. Sein erster Gang galt, seiner Vorliebe für technische Betriebe getreu, der Porzellanmanufaktur; dann folgten Besuche bei Anton Grass und bei Thodowiecki, dem er wenige Tage später auch Karl August zuführte, hatte er doch in Dichtung und Wahrheit davon gesprochen, „wie er denn diesen Künstler über die Maßen verehrte" und in Briefen an Jacobi, Lavater und die Rarschin den Berliner Meister liebevoll charakterisiert. Goethe erneuerte dann auch die alte Bekanntschaft mit Johann Andrs, dem Musiker aus Offenbach; auch zu Johann Joachim Spalding, dem Propst von St. Nicolai, ging Goethe, auf den er durch Lavater aufmerksam gemacht worden war. Der Maler Joh. Thrist. Frisch fesselte sein persönliches Interesse, eine Einladung beim Prinzen Heinrich verlief reichlich steif und stumm,
*) „Satyrischer Aeitsxiegel. Mit artigen Kupferstichen. Line Lrbauungsschrift in zwanglosen Kesten für Freunde des Witzes und lachenden Spottes." „Seine satirischen Schriften wurden ihrer Zeit viel gelesen"; vgl. ADB., Bd. 8, S. 66/?. . - ^
vgl. hierzu: L. Geiger, G. und Berlin, in Beilage zur Allg. Zeitung 1890, Nr. iZs/6. — I. Rodenberg, Unter den Linden, 1891. — Ferd. Meyer, G. in seinen Beziehungen zu Berlin, in Archiv d. Brandenburgia, Bd. 9, 1902, S. 9?/ioz. — H^Schroeder, G. in Berlin und Potsdam, in Westermanns Monatshefte Bd. 80, 1896, S..4tSS/?9- . s ,
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