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und Gestalt angenommen; im Mai » 830 konnte Milhelm von Humboldt noch schreiben: Es ist wirklich unverzeihlich, wie Schiller gegenwärtig durchaus nicht nach Verdienst gewürdigt, ja beinahe übersehen wird; aber »839 konnte Jakob Grimm in der feierlichen Schiller-Sitzung der Berliner Akademie der Wissenschaften erklären: Er ist zum hinreißenden Lieblingsdichter des Volkes geworden, und am gleichen Tage tat der (Oberbürgermeister von Preußens Hauptstadt, Arausnick, den ersten Hammerschlag zu dem ersten Dichterdenkmal, das in Berlin errichtet wurde: im Namen der Stadt Berlin — zu Ehren Friedrich von Schillers. „Welch ein weiter Weg, von jenem Abend des ». Januar »783, an dem „Die Räuber" zum ersten Male in einem Hinterhause der Behrenstraße gespielt worden waren, bis zu diesem »0. November des hundertjährigen Geburtstages, an dem die ganze Stadt zu seinem Ruhme strahlte!" ... als das Denkmal enthüllet ward, war das Reich geeint, und was sich an politischen Hoffnungen, Absichten und Meinungen an Schillers Worte und Werke je gehängt, was in ihnen Symbol und Ausdruck gefunden hatte, das war erreicht und ward Wirklichkeit, als Mensch und Dichter sollte er in Zukunft „aus dem reinen Geiste heraus" wirken, und wieder sollte von Berlin jener aus ästhetischen Gründen und Erwägungen gerichtete Vorstoß gegen Schiller ausgehen, der zur Forderung und Formung der naturalistischen Dichtung strengster Observanz führen sollte.
„Die Märker lieben es, hinter ironischen Neckereien ihre Liebe zu verstecken, und während sie nicht müde werden, über die eigene Heimat die spöttischsten und übertriebensten Bemerkungen zu machen, horchen sie doch mit innerlichster Befriedigung auf, wenn jemand den Mut hat, für Sumpf und Sand und für die Schönheit des märkischen Föbrenwaldes in die Schranken zu treten. Dies hat Schmidt von Werneuchen redlich und ehrlich getan; er tat es zuerst und immer wieder. Sein Dichten einigt sich in dem einen Punkte, daß es überall die Liebe zur Heimat atmet und diese Liebe wecken will/") Durch die Poesie dieses märkischen Landgeistlichen geht ein demokratischer Zug der Auflehnung gegen alles Höhere und Vornehmere, der unvermerkt in eine Verherrlichung der Mittelmäßigkeit und Beschränktheit umschlägt. Die freiere Luft, welche in diesen Jahrzehnten aus Amerika und Frankreich herüberwehte, ließ solche Naturen ihr enges Lebenslos in dürftiger norddeutscher Landschaft^) nicht friedlich genießen, wenn sie nicht die Versicherung ihrer Zufriedenheit mit Seitenhieben auf die Vornehmeren und Reicheren in den Städten begleitet hätten. Ein Grundgedanke von beträchtlicher Dürftigkeit geht durch Schmidts Verse: nur in der ländlichen Stille, am Busen der Natur, wohnt Unschuld und Glück, in der Stadt dagegen gibt es nur Schurken, Narren, Gecken und Schwelger; dabei entsteht aber durchaus kein Gesamtbild eines mehr oder weniger idealisierten Dorflebens, sondern lauter nebeneinander gestellte Einzelschilderungen, wobei aber der Naturschwärmer mit der Unnatur der Perücke (weder formal noch inhaltlich) brechen kann. Friedrich August Schmidts (»76»»—»838) äußeres Leben war bescheiden: in Fahrland
9 vgl. Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Bd. H, S. 2N/50.
h vgl. Schlegels Atbenäum Bd. z, erstes Stück, S. »57/8, »soo: Oer Prediger von Werneuchen freut sich hingegen, daß er nichts Besseres hat, ihm hat das Schicksal ein uneigennütziges Wohlgefallen an der Armseligkeit beschieden.