Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1916) Die Kultur / von Robert Mielke ...
Entstehung
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bei den Oerlagsbuchhändlern Moritz Oeit und Franz Duncker in den fünfziger und sechziger Jahren zusammen, hier trafen sich die als Gäste auf Jahre hinaus in der Hauptstadt weilenden Poeten; um diese Zeit war Friedrich Hebbel zu Besuch in Berlin, in der Metropole der deutschen Intelligenz"; wenn auch für ihn, wie er selbst gesagt hat, der Gang auf die Friedhöfe ertragreicher war, als der Oerkehr mit den lebenden Notabilitäten, so hat Hebbel doch an diese Berliner Wochen 185! es war sein dritter Aufenthalt daselbst, die früheren waren ohne jede Wirkung gewesen mitwahrer innerer Freude zurückgedacht"?) Von Witte April >8,50 bis zum Dezember 185,5 hat Gottfried Keller in Berlin gelebt?) im Heidelberger Sommer IMst sah er die Notwendigkeit vor Augen, die nächsten Jahre zu rascher dichterischer Produktion verwenden zu müssen; dramatische Pläne ließen ihm einen Aufenthalt in Berlin sehr vorteilhaft erscheinen; seine Berliner Jahre waren dann reich an Bitternissen und Entbehrungen wie keine zuvor, reicher aber auch an entscheidenden! Schaffen wie keine nachher: in dieser Zeit ward der Grüne Heinrich vollendet, sind die Leute von Seldwvla zum großen Teile geschrieben, das Sinngedicht und die Legenden entworfen worden; Heller legte in dieser Berliner Zeit, wie er es ausdrückt, den Grundstein zu seiner poetischen Karriere; er hat es immer als einzigen Vorzug Berlins gelten lassen, daß man ungestört und anhaltend für sich sein und arbeiten könne. Und er hat beides redlich daselbst getan! Später hat er im allgemeinen auf Berlin gewettert, dachte er an sein freudloses Leben und an die Strapazen daselbst zurück, und nannte es wohl auch mal gelegentlich eine Korrektionsanstalt. Einsam war er in der Kneipe, einsam auf den Abendgängen im Tiergarten, auf kleinen Wanderungen in der umgebenden Landschaft. Die Menschen, die er in Berlin kennen lernte, sind mit ver­schwindenden Ausnahmen an ihm vorübergegangen. Neben sehr flüchtigen Beziehungen zu Adolf Stahr und Scherenberg, wohl auch zu hevse, blieb nur die mit dein Varn- hagenschen Hause von Dauer. Dieser nannte ihn einen eigentümlich gehaltvollen Menschen, der sür die Welt etwas verschoben und noch nicht ganz brauchbar zugerichtet sei.Es gebrach nur," gesteht Keller,an aller Form für den norddeutschen Verkehr, so daß ich mich nach einigen verunglückten Versuchen gleich anfangs resignierend zurück­zog". Für das weiße humboldthaus am Tegeler See, sür Berliner Pfingsten und sür den Weihnachtsmarkt auf dem Schloßplatze fand er aus liebevoller Beobachtung heraus eine freundlich-sinnige Form lyrischen Ausdrucks.

Km diesen Weihnachtsmarkt mühte sich auch Wilhelm Raabe in der Erzählung und Franz Kugler im Lied; in einem fast vergessenen Romane von Paul heyse (Lottka, I869) bildet er den Hintergrund für wichtige Teile der Handlung. Während so in lite­rarischen Dingen manches nach neuen Formen und Werten rang und schon jetzt viele Anzeichen dafür da waren, daß die Dichtung in ihrer Allgemeinheit sich vom märkischen Heimatboden lösen wollte, hatte der Minister, den die Berliner so bitter befehdeten, in wenigen Jahren ein größeres Preußen geschaffen und bald darauf die Stadt zur Hauptstadt des neuen Reiches gemacht; des Vaterlandes nunmehr geschlossene Macht und Einheit mußte notwendigerweise zurückwirken auf das, was an künstlerischem Schaffen in ihr

'). vgl. h. Landsberg, Hebbel in Berlin, vossische Zeitung lylZ, Nr. 715.

2) vgl. L. Jacobs, Aus Gottfried Aellers Berliner Zeit in westermanns Monatshefte, Bd. 97, 1904/5, s. 56/64.