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Der Raw : kulturhistorische Erzählung / von Judäus
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Leben kosten kann, abgeschnitten von der Welt und lebendig begraben in einem unterirdischen Verließ, hat dieser Mann keinen höheren Wunsch als Wasser zum Trinken und zum Waschen der Hände! Und dafür will er sich noch erkenntlich zeigen! Das war kein Mensch, das war ein Engel, der in Gestalt eines Juden in diese Un­terwelt gefahren war. Das war noch weniger ein Verbrecher und wenn ihn alle Welt dafür halten sollte. Schweigend nahm er das Abend­brot vom Tische fort und sagte dann dem Rabbi, er wünsche ihm eine gute Nacht. Wenn er ir­gend etwas wünsche, das ihm gewährt werden könne, so möge er es nur ohne Rückhalt sagen, er stehe jederzeit zu seinen Diensten. An der Türe wandte sich der Wärter noch einmal um und verbeugte sich vor dem Rabbi, schloß dann die schwere, eiserne Zellentür ab und in wenigen Minuten waren seine Schritte verhallt.

Der Rabbi legte sich noch nicht zur Ruhe nieder. Er löschte sein Licht aus, betete sein Abendgebet, sagte dann noch zwei Stunden lang Tillim (Psalmen) und fing an, den ganzen Tal­mud von vornan aus dem Gedächtnis zu wieder­holen. Erst in der zweiten Stunde nach Mitter­nacht suchte er sein Lager auf.

IX.

So gingen die ersten vier Tage der Ge­fangenschaft in gleicher Einförmigkeit dahin. Für den Rabbi war diese Einförmigkeit nicht vorhanden. Er betete und lernte, lernte und