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Der Raw : kulturhistorische Erzählung / von Judäus
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der Gerichtshof, sondern der Kaiser in höchster Person möge über die Schuld oder Unschuld des Bittstellers entscheiden. Man muß sich die Schwierigkeit vergegenwärtigen, die dunkelsten Probleme der kabbalistischen Lehre einem der Kabbala vollständig unkundigen, nichtjüdischen Beurteiler zu unterbreiten, um die lichtvolle Darstellung dieser Arbeit in ihrer ganzen Meister­schaft würdigen zu können.

Versunken in diese Arbeit merkte er nicht wie sich die Türe seiner Zelle öffnete und der Gefängniswärter mit den Worten etntrat, er bringe hier den verlangten Geistlichen, worauf er sich ehrerbietig zurückzog. Mit von Tränen erstickter Stimme sprach Rabbi Mordechai Liesler den Segensspruch beim Anblick eines Freundes, den man seit langer Zeit nicht wtedergesehen hat. Der Raw ergriff die beiden Hände des Freundes und dankte ihm für das Wagnis der großen Gefahr, der er sich durch diesen Besuch ausgesetzt habe. Er habe nicht mehr gehofft, je einen seiner Freunde wiederzusehen, aber daß ihn Gott dieses Wunder trotzdem erleben ließ, das sei ihm Bürgschaft dafür, daß er den Aus­gang seines Prozesses vertrauensvoll Gott an­heimstellen dürfe.

Amen! Möge es Gottes Wille sein!", er­widerte bewegt der teure Gast.

Setzt Euch zunächst, Rabbi Mordechai", sprach der Raw,wir sind hier ungestört, der Gefängniswärter ist ein braver Mensch, er wird uns nicht stören."