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Wunder zuwege gebracht habe. Dann kann ich ihn einfach auf den Bettvorhang verweisen, der Ltefler Ihren Blicken entzogen hat."
„Aber das hätten Sie ihm ja auch sagen können, wenn Sie Herrn Ltefler nicht versteckt hätten?"
„Gewiß hätte ich das können, aber dann hätte ich ihm eine Unwahrheit gesagt und der gute arme Mensch hat es an mir wahrlich nicht verdient, daß ich ihn belüge. Es ging mir schwer genug an, ihm die Meinung beizubringen, als wollte ich Liefler als Seelsorger hier haben. Aber hier, wo es sich um Ausfindigmachung von Mitteln und Wegen handelte, die mich aus der Lebensgefahr befreien sollen, in der ich schwebe, durfte und mußte ich mir diese Abweichung von der Wahrheit erlauben. Um so ängstlicher möchte ich aber alles vermeiden, was einer Unwahrheit nahe kommt, wo ich es eben vermeiden kann."
Betroffen und sprachlos staunte der Oberst den Rabbi an. Daß ein Jude so gewissenhaft über jedes Wort wacht, damit ihm keine Unwahrheit über die Lippen geht, daß er diese Rücksicht einem untergeordneten Wärter gegenüber beobachtet, den sein Vorgesetzter ohne Bedenken mit den Füßen zertritt, das schien ihm schier unfaßbar. Er gab diesem Staunen in beredten Worten Ausdruck und schloß, indem er sich zum Abschied anschtckte, mit den Worten:
„Jetzt bin ich sicher, daß der Rabbi seine Freiheit auf geradem Wege erlangt, wenn ich