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iſchen See in das ſturmgepeitſchte wilde Meer des Lebens geriſſen, halt⸗ und ſteuerlos zu ſchwanken begann. Aller Augen find nach dem Schloſſe gerichtet— da ſchnellt die blutgefüllte Schale hoch empor, und blitzesſchnell von Mund zu Mund bis in die entfernteſte Hütte getragen, ertönt das Wort: Ich will Frieden haben mit meinem Volke. Es war gegen neun Uhr Morgens, als die Truppen die Ordre zum Abzuge empfingen. Nicht als Sieger, doch unbeſiegt, dem Befehle ihres Kriegsherrn gehorſam, ſcheiden ſie von dem Schauplatze eines Kampfes, in dem für ſie kein Lorbeer zu pflücken war. Und hätten die Krieger, wie es ja vielleicht in ihrer Macht lag, mit gewaltiger Fauſt den Aufſtand niedergeſchlagen, hätten fie über Blut und Leichen, über dem eingeäſcherten Berlin ihr Banner aufgepflanzt— war hier Lorbeer zu ernten, war hier Ehre zu mehren? In ernſtem und düſterem Schweigen ſehen wir die Colonnen ſich ordnen und zum Brandenburger Thor hinausrücken, hier links nach dem Potsdamer Thor abſchwenkend. Manches Knie, mancher Arm zittert, doch nicht vor körperlicher Schwäche; krampfhaft umklammert die feſtgeſchloſſene Hand das Gewehr; feſt drückt ſich Lippe auf Lippe, und ſogar Thränen, große Thränen rollen aus manchem geſenkten Soldatenauge. Dem Befehle ihres Kriegsherrn gehorſam, haben ſie die ſchwere Schlacht geſchlagen gegen die Brüder in der Hauptſtadt; dem Befehle ihres Kriegsherrn gehorſam, kämpften ſie jetzt den ſchwereren Kampf, den Kampf der Selbſtverleugnung. Gedemüthigter Stolz, gekränktes Ehrgefühl bäumen ſich ohnmächtig auf gegen die höhere, die höchſte Pflicht: die deutſche Mannestreue. Und die Weltgeſchichte iſt gerecht.