68
Wie fie jede Ueberhebung, jeden Frevel endlich doch noch rächt, ſo ſühnt ſie endlich auch jede unverdiente Schmach. Die damals mit umwölktem Blicke dem gegen ſie empörten Berlin den Rücken gewendet: die Garden, die Brandenburger, die Lauſitzer und Pommern— noch ahnten ſie nicht, daß aus jener Saat des Blutes und der Schmerzen ihnen dereinſt eine Ernte des herrlichſten Ruhmes erſprießen würde. Noch leuchtete vor ihrem umflorten Auge nicht das Zukunftsbild, die Viktoria, auf dem hohen Siegesdenkmal über den Eichen des Thiergartens ſchwebend. Dieſelbe Straße, die ſie damals ſo traurig gewandelt, ſie ſchmückte ſich ſpäter für ſie wie eine Braut in friſcher Blumenpracht mit unverwelklichen Kränzen, vom begeiſterten Danke der Hauptſtadt den Ueberwindern von Alſen, den Siegern von Sadowa, den Helden von Sedan gewunden — die damalige Marterſtraße verwandelt zur ſtolzeſten Triumphbahn, die je eines preußiſchen, eines deutſchen Kriegers Fuß durchſchritten hat.
Ewig denkwürdig wird jedem Augenzeugen der Anblick Berlins nach jenem Abzuge der Truppen bleiben. Wie nach geöffnetem Wehre der gehemmte Gießbach donnernd und ſchäumend in das in die Felſen gegrabene Bett hinabſtürzt, ſo wälzte ſich nun in unbeſchreiblichem Wogen und Toſen die Volksmenge über die Barrikaden und brauſte in neuen, immer neuen Maſſen aus allen Winkeln Berlins dem Schloſſe zu. Von der Königsſtraße her, vom Hake'ſchen Markte, vom Petri⸗Platze, aus der Friedrichs⸗, aus der Dorotheen⸗Stadt ziehen langgeſtreckte, ganz unüberſehbare Reihen heran, Verwundete und Sterbende tragend, um ſie im Souterrain und in den Prunkſälen