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Augenblick— und vorwärts drängen die Maſſen; ein wildes Gekreiſch aus tauſend und aber tauſend Kehlen, Wuth⸗ und Hohngeſchrei durchſchrillt, von dem Gewölbe zurückgeworfen und in den inneren Höfen des Schloſſes verhallend, unheilverkündend die Lüfte.
In der Paſſage des Schloſſes, nach dem Schloßplatze zu, vor der großen Treppe, die nach den Gemächern führt, in denen die Königliche Familie weilte, ſtand, Gewehr bei Fuß, in zwei Reihen geordnet, die Schloßwache vom Kaiſer Franz Grenadier⸗Regiment, von einem Premierlieutenant befehligt, einem„Jüngling, näher dem Manne“, der ſpäter und noch bis vor kurzer Zeit(es handelt ſich hier um die zweite Hälfte der ſiebziger Jahre) als General eine einflußreiche Stellung bekleidete. War bei der Ueberſtürzung, der überwältigenden, ſchnellen Aufeinanderfolge der Ereigniſſe, während des Abzuges der Truppen die Ablöſung der Wache überſehen und vergeſſen worden? Oder verſtieg
ſich die Verblendung, der Wahnwitz irgend eines ſubalternen Geiſtes bis zu dem Grade, die verkehrteſte aller Maßregeln anzuordnen, die in dieſem Augenblicke denkbar war?
Mag dem ſein, wie ihm wolle; die Thatſache bleibt dieſelbe. Nicht abgelöſt, ohne jede Ordre ſtanden die letzten dreißig Mann der Berliner Garniſon vor der Treppe, die zu den Gemächern des Königs führt, und in hochfluthender Brandung ſtieß nun auf die kleine Schaar die leidenſchaftentflammte, von blutigem Kampfe noch glühende, dem allerroheſten Haufen angehörende Maſſe. Ein Tropfen Blutes an dieſer Stelle, in dieſem Augenblicke vergoſſen — kaum auszudenken iſt die Kette der ungeheuren Folgen,